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Titel:Die Rolltreppe. Kulturwissenschaftliche Studien zu einem mechanisch erschlossenen Zwischenraum.
Autor:Mihm, Andrea
Weitere Beteiligte: Scharfe, Martin (Prof. Dr.)
Erscheinungsjahr:2007
URI:http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2007/0061
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2007-00618
DOI: https://doi.org/10.17192/z2007.0061
DDC: Br
Titel(trans.):The escalator. Cultural study of a space defined by mechanical motion.

Dokument

Schlagwörter:
Fahrtreppe, Rolltreppe, Escalator, Laufband

Zusammenfassung:
„Luftzüge, Erdzüge, Untererdzüge, Rohrpostmenschensendungen, Kraftwagenketten rasen horizontal, Schnellaufzüge pumpen vertikal Menschenmassen von einer Verkehrsebene in die andre [...]“ Mit diesen Worten beschreibt Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ was eine unter dem Zeichen von Modernität und Fortschritt verstandene Lebenswelt am Beginn des 20. Jahrhunderts charakterisiert: ein Räderwerk aus Menschenmassen, Verkehr, Geschwindigkeit und Technik. Als Vehikel des städtischen Pulses benennt Musil Straßen- und Untergrundbahnen, das Automobil sowie den Fahrstuhl. Ein Transportmittel findet indes keine Erwähnung: die Rolltreppe. Dabei ließe sich diese sehr gut in den Kanon aus Bewegungsapparaturen einreihen. Schließlich gehört auch sie bereits zur modernen Einzelhandels- und Verkehrsarchitektur dazu und prägt zusehends das Bild der Stadt. Als Produkt amerikanischen und europäischen Erfindergeistes bahnt sich die Rolltreppe um die Jahrhundertwende zunächst ihren Weg in die Metropolen: New York, Chicago, Berlin, Paris, London sind ihre ersten Einsatzorte. An den Knotenpunkten des städtischen Flusses verbindet sie verschiedene Verkehrsmittel und -ebenen miteinander. Dabei erweckt das damals als „Schräg-“ oder „Treppenaufzug“ bezeichnete Transportmittel anfänglich noch großes Staunen und wird als faszinierende, aber auch ängstigende Erfindung vom Menschen wahrgenommen. Doch was zunächst noch bewundernd, teilweise auch misstrauisch in Augenschein genommen wird, ist in unseren Tagen längst selbstverständlich geworden. Dem industriellen Fließband entlehnt, transportieren Rolltreppen bisweilen tagtäglich Millionen Menschen – hinauf und hinab, auf ihrem Weg zur Arbeit, zum Einkauf oder auf Reisen. Um so erstaunlicher ist es, dass die Rolltreppe als fester und unhinterfragter Bestandteil unseres Alltagslebens erst jetzt Gegenstand einer historisch-kulturwissenschaftlichen Betrachtung geworden ist. Die Arbeit erkundet die Rolltreppe mit all ihren Widersprüchen, Eigentümlichkeiten und Ambivalenze. Sie schließt so eine Lücke im Wissen über die jüngere Geschichte der menschlichen Mobilität, über den menschlichen Alltag und seine verkehrstechnische Ausstattung. Dabei ist die Rolltreppe als eigentümlicher Zwischenraum, als „Nicht-Ort“ im Sinne von Marc Augé beschrieben, der sowohl technisches Artefakt als auch kultureller und sozialer Raum ist. Also nicht nur das technische Ding, die Rolltreppe und ihre spezifischen Umgebungen sind behandelt, sondern auch die Aneignung und Nutzung durch den Menschen: spezifische Bewegungsabläufe, Konventionen, Attitüden, Bewertungen, Rituale und Symbole. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Symbiose zwischen Mensch und Technik. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste den Gegenstand in historischer, sprachlicher und technischer Hinsicht näher bringt. Die Geschichte der Rolltreppe ist hierin erstmals geschrieben, die Entwicklung ihrer Bezeichnungen und ihres Erscheinungsbildes unter die Lupe genommen. Der zweite Teil spannt einen kulturanalytischen Bogen – angefangen von der Einordnung des Transportmittels in zivilisatorische Gesamtzusammenhänge (Stadt und Verkehr, Menschenmassen, Automation der Fortbewegung), über Themen der Aneignung (die Anpassung und Gewöhnung an das Gerät, die Fahrt als modernes Übergangsritual, die zwanghafte Richtungsweisung, ausgesprochene und unausgesprochene Regeln, der Blick des Rolltreppenfahrers, Piktogramme als Verhaltensanweisungen), bis hin zur Erkundung von Unplanmäßigkeiten und ihren Folgen (die Fahrtreppe als Gefahrenquelle, der Rolltreppenunfall). Der Leser erfährt unter anderem wie der Mensch bei der Einführung erster Anlagen trickreich an das Gerät herangeführt wurde - etwa indem ihm am Ende einer ersten Fahrt Riechsalz oder Cognac überreicht wurde. Womöglich sieht er sich auch konfrontiert mit eigenen Rolltreppenerlebnissen, die längst ins Vergessen geraten sind: etwa den vielfältigen Möglichkeiten, die die Transitphase bietet – Kontemplation, Selbstvergessenheit, Trancezustände, Begegnungen mit anderen Menschen, Blicke und Augenblicke mit Initialzündung. Daneben kommen aber auch repressive Eigenschaften der Rolltreppe zur Sprache, das Zwanghafte – die starre Richtungslenkung, die im Falle eines Unfalls plötzlich zutage tretende Macht des Transportapparates, die rolltreppenspezifischen Piktogramme, die unter anderem der Codierung und Verdichtung von Gefahrenhinweisen dienen. Die sehr facettenreiche Themenbetrachtung basiert auf verschiedenen methodischen zugriffen. Wortbetrachtungen, Interpretationen, Deutungen und Reflexionen zählen hierzu ebenso wie Beobachtungen vor Ort – in Warenhäusern und Unterführungen, auf Bahnhöfen und Flughäfen. Ebenso vielfältig wie die behandelten Themen sind auch die verwendeten Quellen. Sie umfassen unter anderem die in Berlin gesammelten Karteikarten des berühmten Technikforschers Feldhaus, Patent- und Firmenschriften, DIN-Normen, Ingenieursliteratur, Unfallberichte und belletristische Texte: Romane, Gedichte, Lied- und Feuilletontexte. Auch Bildquellen, die weit mehr sind als illustratives Beiwerk, sind in die Bearbeitung eingeflossen: Fotografien, technische Zeichnungen und Karikaturen.

Summary:
“Air trains, ground trains, underground trains, people mailed through tubes special-delivery, and chains of cars race along horizontally, while express elevators pump masses of people vertically from one traffic level to another [...]” This is how Robert Musil describes in his novel “The Man Without Qualities” what characterises life in the early twentieth-century world that has come to stand for modernity and progress: a mechanism of masses of people, traffic, speed and technology. Musil refers to trams and underground trains, the car and the elevator as vehicles of the city pulse. One means of transport goes unmentioned: the escalator. It would, however, fit very well in the list of moving devices. After all, it also already belongs to modern traffic and retail trade structures and increasingly shapes the image of the city. As a product of US and European inventiveness, the escalator initially makes its way into larger cities around the turn of the century, arriving first in New York, Chicago, Berlin, Paris and London. At the connection points of the metropolitan flow it links different means and levels of transport with one another. Described at the time as a “diagonal elevator” or “stair elevator”, it was initially a source of great amazement and considered a fascinating yet frightening invention. But what was first viewed with admiration, by some with mistrust, has today long been taken for granted. Inspired by the industrial conveyor-belt, escalators now transport millions of people every day – up and down, on their way to work, to the shops or on holiday. All the more surprising, then, that this established, unquestioned part of our daily lives has only now become the subject of an assessment in the field of historical and cultural studies. The work investigates the escalator with all its contradictions, characteristics and ambivalences, closing a gap in knowledge about the recent history of human mobility, human everyday life and its transport system. The escalator is described as a space, as a “non-place” to use the term coined by Marc Augé, which is both a technical artefact and a cultural and social space. It is therefore not only the technical object, the escalator and its specific surroundings that are considered here, but also its role and use: specific movements, conventions, attitudes, judgements, rituals and symbols. The analysis focuses on the symbiosis between humans and technology. The work is divided into two sections, the first of which looks at the escalator from a historical, linguistic and technical viewpoint. It covers the history of the escalator and examines the development of its designations and its image. The second section is a cultural analysis which takes us from the classification of this means of transport in general contexts of civilisation (city and traffic, masses of people, automation of movement), through issues of its role (adaptation to and familiarisation with the device, the escalator ride as a modern ritual of transition, the stipulation of a mandatory direction, spoken and unspoken rules, the glance of those on an escalator, pictograms as behaviour guidelines), to the investigation of irregularities and their consequences (the escalator as a source of danger, the escalator accident). The reader learns, for instance, the tricks used to get people onto escalators when they were first introduced – by offering smelling salts or cognac after the first ride. He may also find himself confronted with his own escalator experiences long since forgotten: the many possibilities of the transit phase – contemplation, becoming lost to the world, states of trance, encounters with other people, glances and moments creating a spark. Alongside this, though, the repressive side of the escalator comes to play, the inevitable – the lack of choice of direction, the sudden force of the device in the event of an accident, the escalator-specific pictograms which codify and intensify the danger signs. The wide-ranging assessment of this subject is based on various methodical approaches. These include assessing words, interpretations and reflections as well as observing escalators in motion in department stores and subways, at stations and airports. The sources used are just as broad as the aspects studied. They encompass index cards by the famous technology researcher Feldhaus collected in Berlin, patent and corporate documents, standards set by DIN (German Institute for Standardization), engineering literature, accident reports and literary texts: novels, poetry, song texts and feature articles. Image sources such as photographs, technical drawings and caricatures, which are far more than illustrative enhancements, also went into the work.


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