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Titel:Herrschaft und Sexualität in Franz Kafkas Romanen 'Der Proceß' und 'Das Schloß'
Autor:Leich, Karin
Weitere Beteiligte: Glück, Alfons Prof. Dr.
Veröffentlicht:2003
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2004/0713
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2004-07134
DOI: https://doi.org/10.17192/z2004.0713
DDC: Deutsche Literatur
Titel(trans.):Sexuality and Domination in Franz Kafka's Novels 'The Trial' and 'The Castle'
Publikationsdatum:2004-12-14
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Franz Kafka, Sexualität, Herrschaft, Domination, Franz Kafka, Sexuality

Zusammenfassung:
Herrschaft und Sexualität in Franz Kafkas Romanen ‚Der Proceß’ und ‚Das Schloß’ Die Arbeit behandelt das Verhältnis von Herrschaft und Sexualität. Kafka entwirft innerhalb der Kälte und Ausweglosigkeit seiner fiktionalen Welt ein psychisch realistisches Bild seiner Figuren. Die K.s, Josef K. im „Proceß“ und K. im „Schloß“ gehen an der aufgezwungenen und der selbst gewählten Auseinandersetzung mit den bürokratisch arbeitenden übergeordneten Behörden zugrunde. Die Darstellung der Bürokratie erscheint im Werk als äußere Herrschaft, der innere Unfreiheit und Selbstunterdrückung entsprechen. Kafka erschafft ein Zusammenspiel dieser äußeren und inneren Herrschaftsmomente, durch die das Selbst seiner Hauptfiguren untergeht. Kafka zeigt Bewußtsein und Außenwelt der Figuren in einem dialektischen Verhältnis. Dieses drückt sich in der Selbstablehnung und akzeptierten Schuld Josef K.s im „Proceß“ und in der Suche nach Identität und Selbstbehauptung K.s im Verhältnis zur Behörde im „Schloß“ aus. Kafkas bürokratische Apparate zeigen die Tendenz, die Gesellschaft zu unterminieren und völlig zu beherrschen. Dies geschieht, ohne direkte Gewalt auszuüben. So sind sie einerseits jenseits von Legitimität und Vernunft, andererseits gerade dadurch jeder Kontrolle enthoben. In der Arbeitsweise der bürokratischen Systeme erscheinen totalitäre Herrschaftsformen, die in den Leistungsstrukturen, dem Expansionsdrang und dem Konkurrenzstreben der bürgerlichen Gesellschaft angelegt sind. Das Individuum paßt sich in seiner psychischen und geistigen Ausrichtung an das bestehende Allgemeine an, um zu überleben. Das individuelle Verhalten gegenüber der Bürokratie reicht von devoter Anbiederung und hingebungsvoller Gläubigkeit bis zu emotionaler Auflehnung und entschiedenem Widerstand. Schon die innere Abkehr von der Macht zeigt sich als schwer zu vollziehende Aufgabe, da sie Verständnislosigkeit und Ausgrenzung und daraus resultierend unaufhebbare Einsamkeit mit sich bringt. In der Sexualität erscheint die Spaltung des Ich in ersehnte Bedürfnisbefriedigung und in die gleichzeitige Angst davor. Gesellschaftliche Zurichtung und eigene Bedürfnisse treffen aufeinander. In den Beziehungsgeflechten der Hauptfiguren und der Frauenfiguren zeigt Kafka die Fragilität und Beschädigung des Ich. Den regressiven Aspekten der Sexualität, Abhängigkeit, gegenseitige Benutzung und Treulosigkeit stehen progressive Momente gegenüber. Die Figuren finden beieinander Solidarität und Zuwendung. Sie sind in der Lage, sich und ihr eigenes Selbst und ihr eigenes Streben mit Distanz zu betrachten. Diese wenigen Momente durchbrechen die eisige Kälte und Kargheit der erschaffenen Welt. Die Arbeit geht der Frage nach, wo die Figuren Glück und Befriedigung suchen und welche Konflikte dadurch bei ihnen selbst und in Kontakt mit anderen entstehen. Die ästhetische Wirkung beruht formal auf der kühlen, klaren Sprache mit der die Figuren Kafkas ihr Denken und Fühlen entäußern. Im „Proceß“ entfaltet sie sich inhaltlich in der tragischen Selbsterkenntnis Josef K.s, die ihm jene Tiefe verleiht, die er in seinem Leben nicht erlangen konnte. Im „Schloß“ nimmt die erzählerische Konzeption tragisches Erkennen zurück, denn jene Identität und Selbstgewißheit, die zum Erkennen nötig sind, möchte K. erst in der Auseinandersetzung mit der Schloßbehörde erlangen. Die direkte Auseinandersetzung wird ihm in unendlichen Varianten verweigert. Dem Leser kann es im ästhetischen Reflexionsprozeß gelingen, das Scheitern K.s zu verstehen.

Summary:
"Sexuality and Domination in Franz Kafka's Novels The Trial and The Castle" The work is divided into four parts: introduction, exploration of the two novels with regard to the two main issues: sexuality and domination, and as a fourth part the conclusion. The work shows the women's figures in their relation to the main characters, the "K.s". Sexuality is interpreted in its dependency upon the bureaucratic form of domination. According to this external form Franz Kafka shows domination as an internal state of the consciousness. Against their striving for self-esteem and survival, the characters tend to remain in their own suppressing and violent relations and destinations. The consciousness as Kafka shows mirrors the external world, where there is neither freedom nor any authority that performs reconciliation. On the other side the internal world with its projections and limited views discovers itself as a prison as well. The internal limitation and the misinterpretation of the world is the inner reason for the failure of the K's. The women in Kafka's work show delusions and deformations, but although Kafka's world is nearly closed, they do have moments of resistance. These moments appear against the power of false rationality and adaptation. Kafka shows the reciprocal character of use in the relations of his characters, which does not lead to the intended social success, but hinders emotional and sensual satisfaction. The consciousness is occupied by domination, and this damages the options to find love and understanding. Kafka's point of view shows the world by the consciousness of his main characters. The reader is in the same restless and hopeless state as the K.s. The perspective nearly never opens up and shows an over - or an outer view of the story. Here Kafka differs from the auctorial perspective. A reader is forced to follow the errors and failures of Kafka's characters. The loss and failure that is experienced by the compulsive force of the content is dramatically broken by the pure and clear language Kafka introduces to the reader. The historical change from the period of enlightenment to the breakdown of the national states in Europe before and after World War I does not allow a description of the individual managing the challenges of a secure life. Yet, in the esthetical proceeding the reader is confronted with his own arrangements. And as Kafka avoids any view from outside or above, his writing is able to touch long lasting delusions. Kafka's works create a freedom that encourages the reader to review one’s modes of thinking.


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