Psychosoziale Prädiktoren für Beschwerden nach HWS-Distorsion

-- Einleitung: In der klinischen und ambulanten Praxis gehören die Distorsionen der Hals-wirbelsäule (HWS-Distorsionen) zu den häufigsten Diagnosen. Für die Bundesrepublik Deutschland werden fast 200.000 Fälle pro Jahr (1992, alte Bundesländer) geschätzt, von einer erheblichen Bedeutung im medizin...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Keyßler, Jens
Beteiligte: Kaluza, Gert (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2004
Medizinische Psychologie
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:-- Einleitung: In der klinischen und ambulanten Praxis gehören die Distorsionen der Hals-wirbelsäule (HWS-Distorsionen) zu den häufigsten Diagnosen. Für die Bundesrepublik Deutschland werden fast 200.000 Fälle pro Jahr (1992, alte Bundesländer) geschätzt, von einer erheblichen Bedeutung im medizinischen und volkswirtschaftlichen Sinne ist demzufol-ge auszugehen. Als morphologische Substrate von Beschwerden werden für die Anfangsphase minimale Schädigungen der Weichteile angenommen. Für die Therapie gibt es bisher keine einheitlichen, wissenschaftlich belegten Konzepte. Als Spätfolge kommt es bei etwa 30-40% der Patienten zur Chronifizierung von Beschwerden. Es gibt keine wissenschaftlich begründete Erklärung für den hohen Anteil Chronifizierter. In der Diskussion befinden sich neben somatischen Ursachen vor allem psychosoziale Faktoren. -- Ziel dieser Arbeit ist es, Prädiktoren zu finden, anhand derer ein Persistieren der Beschwerden sechs Wochen nach HWS-Distorsion vorhergesagt werden kann. Als vielversprechend stellten sich nach Erfahrungen in der (Rücken-) Schmerzforschung psychosoziale Faktoren des Erlebens und Reagierens aufgrund der Schädigung dar. Ein weiterer evidenter Faktor ist die Ausprägung der anfänglichen somatischen Beschwerden. -- Patienten und Methoden: Es wurde eine prospektive klinische Studie an 200 Patienten durchgeführt. Davon waren 61,5% weiblich, das mittlere Alter betrug 29,22 Jahre (SD ± 9,67 Jahre). Zur Studienaufnahme (T1) innerhalb von 48 Stunden nach dem Trauma wurde den Probanden ein Fragebogen zur vorherigen sportlichen Aktivität und zu Attribuierungsstilen (internal, external fatalistisch und external sozial) vorgelegt. In der folgenden Woche wurde ein Schmerztagebuch für die Durchschnittswerte von anfänglichem Schmerz und anfänglicher Beeinträchtigung geführt. Nach einer Woche (T2) füllten die Patienten Fragebögen zu den Bereichen posttraumatische Streßreaktionen, Schmerzverhalten und Verstärkungsbedingun-gen sowie Coping (kognitives Copingverhalten, Genußverhalten, Rückzugsverhalten, Streben nach sozialer Unterstützung) aus. Zielvariablen waren die Durchschnittswerte von Schmerz und Beeinträchtigung in der sechsten Woche zu T3 (sechs Wochen nach Studienaufnahme), die wiederum anhand eines Schmerztagebuches erhoben wurden. Durch die o.g. Fragebögen ergaben sich elf mögliche Prädiktoren. Diese wurden mit multiplen linearen Regressionsana-lysen anhand dreier verschiedener Abhängigkeitsmodelle (Additives Modell, Mediatormodell, Sequentielles Modell) auf ihre Vorhersagekraft bezüglich der Zielvariablen nach sechs Wo-chen überprüft. -- Ergebnisse: Von den im Rahmen der Studienaufnahme akut untersuchten Patienten gaben nach sechs Wochen noch 53,5% Schmerzen durch den Unfall an; 50,0% litten weiterhin an einer Beeinträchtigung. Das statistische sequentielle Modell war am aussagekräftigsten. 1.) Die Variablen Schmerzverhalten und Verstärkungsbedingungen (ß=0,395**), post-traumatische Streßreaktionen (ß=0,259**) und sportliche Aktivität (ß=-0,174**) erlauben gemeinsam die abhängige Variable anfängliche Schmerzen abzuschätzen (r²=0,353**). Diese korreliert mit der Variable Schmerzen nach sechs Wochen (r²=0,234**). 2.) Die Va-riablen Schmerzverhalten und Verstärkungsbedingungen (ß=0,406**), posttraumatische Streßreaktionen (ß=0,237**) und internale Attribution (ß=0,169**) erlauben die Abschät-zung der abhängigen Variablen anfängliche Beeinträchtigung (r²=0,340**). Diese korreliert mit der Variable Beeinträchtigung nach sechs Wochen (r²=0,208**, p jeweils <0,01). -- Diskussion: Im Rahmen des sequentiellen Modells erlangen besonders Schmerzverhalten und Verstärkungsbedingungen Bedeutung. Hinzu kommt, daß eine psychische Traumatisierung (PTSD) stattfindet. Die Ergebnisse werden als Bestätigung des in der Schmerzforschung anerkannten biopsychosozialen Modells interpretiert. Demnach kommt es als biologische Dimension durch den Unfall zu einer geringen Schädigung des Gewebes im Bereich der Halswirbelsäule. Auf psychosozialer Ebene findet mit der Wahrnehmung von Schmerzen der Einstieg in eine Verstärkungsspirale statt. Letztere entsteht durch vorbestehendes Allgemeinwissen über das sogenannte Schleudertrauma sowie der ihm zugewiesenen und im Verlauf erlebten starken Bedeutung. Einen eigenen Wert als Verstärker wird für die derzeit übliche Ruhigstellung der HWS sowohl auf psychischer als auch auf mechanisch-anatomischer Ebene angenommen. Hieraus ergibt sich als weitreichende Konsequenz für die Therapie der generelle Verzicht auf die weiche Halskrawatte. Eine psychotherapeutische Intervention muß spätestens bei sich abzeichnender Chronifizierung erwogen werden.