Digitale Bibliothek der Universität Marburg
| Autor: |
Urban, Hans-Jürgen |
| Titel: |
Wettbewerbskorporatismus und soziale
Politik. Zur Transformation wohlfahrtsstaatlicher
Politikfelder am Beispiel der Gesundheitspolitik |
| Erscheinungsjahr: |
2003 |
| Fachbereich: |
Fachbereich
Gesellschaftswissenschaften und Philosophie,
Philipps-Universität
Marburg |
| Institut: |
Politikwissenschaft |
| Format: |
Portable Document Format
(PDF 2.3M)
|
| URL: |
http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2004/0089/ |
| URN: |
urn:nbn:de:hebis:04-z2004-00894 |
| DDC-Sachgruppe: |
300
Sozialwissenschaften,
Soziologie |
Kurzfassung in
Deutsch:
Die vorliegende Dissertation
beschäftigt sich mit Gesundheitspolitik in Europa. In Europa
gelten die Sozialpolitik und insbesondere die
Gesundheitspolitik als Felder, in denen die Nationalstaaten
weitgehend den Ton angeben. Fragen der Krankenversorgung und
etwaiger institutioneller Reformen werden in der Regel als
nationale Angelegenheiten behandelt. Seit geraumer Zeit sind
jedoch deutliche Anzeichen erkennbar, dass das Politikfeld
Gesundheit vor einem dynamischen Prozess der Europäisierung
steht. Die vorliegende Untersuchung analysiert die
unterschiedlichen Wege, auf denen sich dieser Prozess
vollzieht. Während bisher die Verflechtungen zwischen dem
europäischen Markt- und dem deutschen Sozialrecht den
wichtigsten Wirkungskanal darstellten, über den die
europäische Integration Einfluss auf das deutsche
Gesundheitssystem gewinnt, so dürften von der
wettbewerbspolitischen Neuausrichtung des
Integrationsprozesse (?Lissabonner Strategie?) und den
Vorgaben der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion neue
Impulse in Richtung einer Europäisierung der
Gesundheitspolitik ausgehen. Dabei kommt der Offenen Methode
der Koordinierung als einem neuen Regulierungsmodus im
europäischen Mehrebenensystem, der zunehmend auch in der
Gesundheitspolitik Anwendung findet, besondere Bedeutung zu.
Im ersten Teil der Studie wird gezeigt, dass auf europäischer
Ebene neue politischen Arenen entstehen, in denen
insbesondere der Europäische Gerichtshof, die Europäische
Kommission sowie der Europäische Rat aktiver und
entschiedener als bisher Gesundheitspolitik betreiben.
Gleichzeitig bilden sich neue Formen wechselseitiger
Abhängigkeit zwischen nationaler Gesundheitspolitik und
europäischen Entscheidungen heraus. Im Rahmen dieses
Prozesses schränken einerseits Vorgaben aus Europa die
nationalstaatlich zur Verfügung stehenden Politikoptionen
ein; andererseits nutzen aber auch Schlüsselakteure der
nationalen Gesundheitssysteme die europäischen
Entscheidungsprozesse, um eigenen Interessenlagen zum
Durchbruch zu verhelfen und eigene Strategieoptionen zu
realisieren. Die Anwendung der Offenen Methode der
Koordinierung auf das Gesundheitswesen geht zum einen mit
einer strategischen Aufwertung, zum anderen aber auch mit
einer wettbewerbspolitischen Indienstnahme der
Gesundheitspolitik einher. Es ist davon auszugehen, dass die
enge Einbindung der europäischen Gesundheitspolitik in die
finanzpolitischen Vorgaben des EU-Finanzregimes und die Ziele
der neuen europäischen Wettbewerbspolitik den Druck in
Richtung auf die Stärkung einer kostendämpfungs- und
wettbewerbsorientierten Gesundheitspolitik in den
Mitgliedsstaaten erhöhen wird. Allerdings kann die
Einbeziehung der Erfahrungen aus anderen Ländern auch einen
Beitrag dazu leisten, Defizite des deutschen
Gesundheitssystems, vor allem ineffiziente
Versorgungsstrukturen, zu überwinden. Der zweite Teil der
Studie befasst sich mit Funktion und Bedeutung eines Gremiums
des deutschen Gesundheitssystems für die Verteilung von
Gesundheitsleistungen. Dabei handelt es sich um den
Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen. Der
Bundesausschuss hat sich vor allem in der zweiten Hälfte der
90er Jahre und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt,
zu einer einflussreichen Instanz entwickelt, die
weitreichende Entscheidungen im Hinblick auf das
Leistungsrecht der GKV fällt. Der Staat hat ihm diesbezüglich
schrittweise entsprechende Kompetenzen übertragen ? vor allem
um sich von den Legitimationsrisiken zu entlasten, die mit
einer restriktiven Gewährung von Leistungen in der GKV
verbunden sind. Insofern fungiert der Bundesausschuss auch
als Agentur jenes gesundheitspolitischen Paradigmenwechselns,
der vielfach als Übergang von einer expansiven zu einer
wettbewerbs- und beitragssatzorientierten Gesundheitspolitik
beschrieben worden ist. Neben der Rekonstruktion dieses
Prozesses der sukzessiven ?wetbewerbskorporatistischen
Beauftragung? des Bundesausschusses durch den Staat
analysiert die Studie zugleich, wie die beteiligten Akteure
durch gezielte staatliche Interventionen in die
gesundheitspolitischen Kontextbedingungen ein Eigeninteresse
an der restriktiven Interpretation des Leistungskatalogs
entwickeln und auf diese Weise staatlichen Steuerungszielen
Rechnung tragen ? wobei sich der Staat selbst über ein System
von Genehmigungsvorbehalten und Ersatzvornahmen ein
Letztentscheidungsrecht für den Fall missliebiger oder nicht
fristgerechter Entscheidungen vorbehält. Abschließend werden
die inneren Widersprüche der staatlichen Delegation von
Steuerungskompetenzen und ? in einem kurzen Ausblick ? die
wachsende Bedeutung der EU-Rechtsprechung für die
nationalstaatliche Ausgestaltung des Gesundheitssystems
thematisiert.
Kurzfassung in
Englisch:
This study deals with health care
policy in Europe. In Europe, national states set the tone for
social policy in general and health policy in particular.
Questions of heath care and institutional reform are, as a
rule, treated as national affairs. For some time, however,
the field of health care policy has begun to show clear signs
of a dynamic process of Europeanization. The present study
analyzes the various ways in which this process is unfolding.
Up to now the influence of European integration on the German
health care system has been driven primarily by the close
interlinkage between European law regulating market
structures and German social welfare law. The newly
inaugurated orientation towards a more competitive
market-based economy (The Lisbon Strategy) combined with the
regulatory requirements of the European Economic and Monetary
Union are providing a new impetus toward a Europeanization of
health policy. In addition, the so-called open method of
coordination, which provides a new mode of regulation within
the multi-level European system, is being increasing applied
to the area of health policy. The first part of the study
describes the rise of new political arenas on the European
level in which the European Court, the European Commission
and the European Council are beginning to take more decisive
action with regard to health policy. At the same time, new
forms of interdependence between national health policy and
European decision-making are taking shape. This development
is characterized by opposing trends: On the one hand,
existing national policy options are being restricted within
the framework of European regulations; on the other hand, key
players and major political parties at the national level are
using European decisions in order to assert their own
interests or to meet particular strategic ends. While
applying the open method of coordination to national health
care systems is generating a strategic upgrading of health
policy more generally, results also show that health policy
is being increasingly used as a tool to promote economic
competition. It can be assumed that the integration of
European health policy within the financial framework of the
European Union, including the new European goals regarding
economic competition, will increase pressure on member states
to curb cost expansion and to strengthen competition in
health care provision. At the same time, experience from
other countries may contribute to eliminating deficiencies
within the German health care system, particularly in regard
to the inefficiency of current structures. The second part of
the study deals with the role of a committee of the German
health system responsible for the distribution of health
benefits. Mostly unnoticed by the public, the Bundesauschuss
der Ärzte und Krankenkassen (Federal Committee of Physicians
and Sickness Funds), as it was called until 31 December 2003,
turned into an influential institution particularly during
the second half of the 1990s making far-reaching decisions
concerning health benefit entitlements from the compulsory
sickness insurance (Gesetzliche Krankenversicherung - GKV).
Step by step the state transferred appropriate powers to the
committee ? most of all in order to exonerate itself from the
risks of legitimation arising from restrictions on the grant
of benefits from the GKV. Insofar the Federal Committee
functions as an agent for a paradigmatic change which has
often been described as marking the transition from an
expansive health policy to a health policy based on
competition and aiming at stable contribution rates. The
study reconstructs this transfer of tasks from the state to
the Federal Committee which can be as well characterized as a
change towards ?competitive corporatism?. Moreover, it
undertakes an analysis of how those involved in the granting
of benefits are - by specific state intervention - induced to
develop a preference for a restrictive interpretation of the
benefits catalogue, thereby supporting the aims of state
regulations, while the state reserves for itself the right to
final decisions through a system of specific reservations and
substitutions. As a conclusion, the paper deals with
contradictions arising from the transfer of regulative
competences from the state to the Commission and presents a
short outlook on the growing importance of EU-jurisdiction
with regard to the organization of national health
systems.
| SWD-Schlagwörter: |
Korporatismus , Gesundheitspolitik
, Wohlfahrtsstaat , Europäische Integration |
| Freie Schlagwörter (deutsch): |
|
| Freie Schlagwörter (englisch): |
Corporatism,
Health care policy, Welfare State, European
Integration |
| Erstgutachter: |
Deppe, Frank Professor |
| Tag der mündlichen Prüfung: |
2003-12-22 |
© 2011
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