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Titel:"Freundschaft" bei Huftieren? - Soziopositive Beziehungen zwischen nicht-verwandten artgleichen Herdenmitgliedern
Autor:Wasilewski, Anja
Weitere Beteiligte: Beck, Lothar A. (PD Dr.)
Veröffentlicht:2003
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2003/0639
DOI: https://doi.org/10.17192/z2003.0639
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2003-06393
DDC: Biowissenschaften, Biologie
Titel(trans.):"Friendship" in ungulates? - Sociopositive relationships between non-related herd members of the same species
Publikationsdatum:2003-11-03
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
animal welfare, Wangenkontakt, nearest neighbour, cheek-to-cheek contact, Freundschaftsdefinition, social grooming, Pferd, Schaf, Nächster Nachbar, soziale Fellpflege, definition of friendship, Rind, Esel, Prosoziales Verhalten, Tierschutz
Referenziert von:

Zusammenfassung:
Die Ziele der Arbeit lagen im Nachweis und in der Quantifizierung von Freundschaften bei Pferden, Eseln, Schafen und Rindern. Weiterführende Analysen erfolgten bzgl. Situationsspezifität, Dynamik und Dauer der Bindungen, Asymmetrie innerhalb der Beziehungen, begünstigender Faktoren und Funktionen. Zehn Nutztierherden (2-3 je Art) mit 11-60 Mitgliedern (insges. 234 Tiere) wurden zwei Jahre im Freiland (SO-England) untersucht (ca. 1500h). Die Rinder waren weiblich, die Schafe männlich, die Equiden lebten in gemischtgeschlechtlichen Herden (männl. Tiere kastriert). Außer den Rindern (subadult) waren die Tiere erwachsen. Gewählt wurde ein vergleichender, quantitativer, objektiver, systematischer und individuenbasierter Untersuchungsansatz mit Langzeitcharakter. Die Rahmenbedingungen schlossen Verwandtschaft und sexuelle Motivation als alternative Basis soziopositiver Bindungen aus. Die Erfassung des spontanen Verhaltens wurde um experimentelle Ansätze erweitert; verschiedene Sampling- und Recording-Methoden kamen zum Einsatz. Indikatoren für interindividuelle Präferenzen waren Nachbarschafts- (zwei nächste Nachbarn) und Partnerwahl-Häufigkeiten bei soziopositiven Interaktionen (soziale Fellpflege, Körperkontakte beim Ruhen, Futterteilen, Dokumentieren s.l.). Zur differenzierten Auswertung der Nachbarschaftsdaten wurde das Computerprogramm NENESYS entwickelt. Die abschließende statistische Bearbeitung erfolgte v.a. durch multivariate Verfahren (z.B. MDS, Clusteranalyse, Mantel-Test). Obwohl der Gesichtspunkt 'Freundschaft' der Humanpsychologie entliehen ist, bietet diese keine einheitliche Definition und Terminologie. Daher wurde eine eigene Definition anhand struktureller und inhaltlicher (nicht funktionaler) Kriterien erarbeitet. Der Nachweis von Freundschaften war bei allen vier Tierarten erfolgreich und erfordert eine Ausweitung des Freundschaftskonzepts über die Ordnung der Primaten hinaus. Bei allen Arten außer den Rindern konnte der Nachweis doppelt (beständige Nachbarschafts- und Interaktionspartnerpräferenzen) abgesichert werden. Die Quantifizierung der Bindungen ergab zwischen- und innerartliche Unterschiede. Ausmaß und Stärke der Nachbarschaftspräferenzen waren bei den Pferden am größten, den Schafen intermediär, den Rindern am geringsten. Bei den Eseln war das Ausmaß der Freundschaften am geringsten, die Stärke hingegen entsprach ca. der der Pferde. Der Vergleich der interindividuellen Präferenzen in bis zu vier verschiedenen Situationen (Nachbarschaft beim Grasen bzw. Ruhen, soz. Fellpflege, Futterteilen) ergab deutliche interspezifische Unterschiede. Die Pferde zeigten das geringste Ausmaß an Situationsspezifität (weitgehend dieselben Partner in allen Situationen), die Esel und Rinder das höchste, die Schafe ein intermediäres. Entgegen der bisherigen Ansicht, Schafe betrieben keine soziale Fellpflege, wurden zwei Verhaltensweisen identifiziert, die zumindest die psychosozialen Funktionen sozialer Fellpflege besitzen: Horn- bzw. Kopfreiben und Verweilen im Wangenkontakt. Während ersteres in der Literatur gelegentlich erwähnt und kontrovers interpretiert wird (agonistisch vs. respektanzeigend), wurde Verweilen im Wangenkontakt erstmals dokumentiert. Für beide wird eine Einordnung in den soziopositiven Verhaltenskontext vorgeschlagen. Die Untersuchungsspanne erlaubte, Freundschaften max. 18 Monate zu verfolgen. Die Dauer der Bindungen der Pferde und Schafe entsprach den Literaturangaben für Herden mit einem Sozialgefüge aus Freundschafts- und Verwandtschaftsanteilen, die der Rinder war kürzer, die der Esel zweimal so lang wie bisher bekannt. Präferenzen in verschiedenen Situationen scheinen in unterschiedlichen Phasen der Freundschaftsentwicklung verschieden häufig aufzutreten. Der Aspekt der Asymmetrie wird besonders bei der unilateralen sozialen Fellpflege der Boviden deutlich. Ähnlichkeit bzgl. des Alters (Rinder) und des Besitzes von Hörnern (Schafe) begünstigte Freundschaften signifikant. Die gängige Ansicht, Pferde ähnlicher Farbe bevorzugten einander, bestätigte sich nicht. Die Funktionen von Huftierfreundschaften äußern sich weniger in einem direkten, praktischen Nutzen, sondern treten als psychologischer Nutzen in Form von sozialer, emotionaler Unterstützung in Erscheinung. Emotionale Unterstützung und soziale Fellpflege reduzieren psychologische und physiologische Streßsymptome. Über diese gesundheitsfördernde Wirkung besitzen Tierfreundschaften einen indirekten praktischen Nutzen. Davon profitieren sowohl Tiere als auch Tierhalter (ethischer und anthropozentrischer Tierschutz). Voraussetzung für gesunde, effiziente Tiere sind Haltungsbedingungen, die ihren physischen und psychosozialen Bedürfnissen entsprechen. Für die Umsetzung der Ergebnisse in der Tierhaltungspraxis wurden Anwendungsempfehlungen erstellt. Ein Regelkreismodell integriert die verschiedenen Aspekte der Arbeit, visualisiert ihre Wechselbeziehungen und erleichtert das Formulieren präziser Hypothesen für zukünftige Forschung.

Summary:
Aims of the study were the demonstration, verification and quantification of friendships in horses, donkeys, sheep and cattle. Further analyses investigated situation-specific aspects, dynamics and duration, asymmetry within the relationships, factors enhancing these bonds, and the benefits of friendship. Ten herds of domestic ungulates (2-3 of each species), comprising 11-60 members (234 animals in total) were studied in the field (SE-England) over two years (approx. 1500 h). Cattle were female, sheep were male; the equids lived in mixed-sex groups (males castrated). Apart from the cattle (heifers), all animals were adult. A comparative, quantitative, objective, systematic and individual-based longitudinal approach was chosen. Study set-up excluded kinship and sexual motivation as an alternative basis for bonds. The observation of spontaneous behaviour was complemented by experiments; different sampling and recording techniques were applied. Frequencies of spatial proximity (two nearest neighbours) and of partner choice for sociopositive interactions (social grooming, resting in physical contact, sharing feed, documenting behaviour s.l.) served as indicators of inter-individual preferences. The complex nearest neighbour analysis required the development of a customised evaluation software (NENESYS). For subsequent statistical analyses mainly multivariate tests were employed (e.g. MDS, Cluster Analysis, Mantel-Test). The concept of friendship was 'borrowed' from human social psychology: This discipline, however, provides neither a consistent definition nor a universally applicable terminology. It was necessary to establish a generally valid, precise definition based on criteria regarding only form and content (not function). Demonstration and verification of friendships proved successful for all four ungulate species. The concept of friendship thus ought to be extended beyond the order of primates. Except for cattle, the demonstration and verification were twofold (distinct preferences for certain neighbours and for specific partners for sociopositive interactions). The quantification revealed both inter- and intraspecific differences. Both extent and strength of the neighbour preferences were greatest in horses, intermediate in sheep, and lowest in cattle. Friendships of donkeys were the least extensive. Their strength, however, was similar to that in horses. Comparing inter-individual preferences across up to four different situations (neighbours when grazing or resting, social grooming, feed sharing), distinct interspecific differences became evident. Situation-specifity was found to be weakest in horses (mostly the same partners in all situations), strongest in donkeys and cattle, and intermediate in sheep. Contrary to the general belief that sheep do not engage in social grooming, two behaviours were identified, which possess at least the psychosocial functions of allo-grooming: horn- or head-rubbing and reciprocal cheek-to-cheek-contact. While the former has been occasionally described and controversially interpreted in the literature (agonistic vs. respectful), cheek-to-cheek-contact was documented for the first time. A classification as sociopositive behaviours is suggested for both. Due to study design, friendships could be traced over a maximum of 18 months. The duration of the bonds among both horses and sheep was comparable to that given in the literature for herds whose social networks were based on a mixture of kinship and friendship; cattle relationships were shorter, those in donkeys were twice as long as had been shown to date. Results indicate that preferences in different situations vary with respect to their frequency between different phases of friendship development. Aspects of asymmetry became particularly evident during unilateral grooming in bovids. Similarity with respect to age (cattle) and possession of horns (sheep) proved to be factors, which encouraged friendships significantly. The popular notion that horses of similar coat colour prefer each other, was not supported. Ungulate friendships do not so much result in direct practical assistance, but rather manifest themselves as psychological benefits in the form of social or emotional support. Emotional support and social grooming reduce psychological and physiological stress. Improving the animals' health, they ultimately have an indirect practical benefit. Animals and their owners alike gain from ungulate friendships (ethical and anthropological motivation for animal welfare): Husbandry systems that accommodate the animals' physical as well as psychosocial needs are prerequisites for healthy and efficient livestock. Results are translated into explicit recommendations immediately and expeditiously applicable to farming practice. A 'Regelkreismodell' integrates the different aspects addressed in the study. Visualising their complex interrelations, it facilitates the generation of precise hypotheses for future research.


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