Jesuiten an Schulen und Universitäten

1. Das Ordenskolleg des Jesuitenordens
2. Kollegientypen
3. Kollegien an den Universitäten des Spätmittelalters
4. Die Kolleginstitution des Jesuitenordens
4.1 Die Entwicklung des jesuitischen Kollegienwesens
4.2 Der Aufbau des jesuitischen Studiensystems
5. Die Kollegbauten des Jesuitenordens und die Tradition



1. Das Ordenskolleg des Jesuitenordens

Kolleg Ingolstadt
Kolleg Ingolstadt

Die »Kollegien der Gesellschaft Jesu« sind die gemäss den Ordenssatzungen realisierten Institutionen des Ordens. Die Kollegienanlagen dienten als Ausgangsbasis für die Seelsorge- und Erziehungstätigkeit der Gesellschaft Jesu. Die Ordenskollegien erhielten im Prozess der Verinstitutionalisierung des Ordens ihren charakteristischen Aufbau. Verschiedene Faktoren prägten dabei die Entwicklung der Kolleginstitution der Gesellschaft Jesu, bis diese gegen Ende des 16. Jahrhunderts ihre endgültige Form für den Einsatz in den verschiedenen Ländern Europas fand.

Zu den »internen«, ordensspezifischen Entstehungsvoraussetzungen bei der Ausformung der jesuitischen Kolleginstitution traten »äussere« Einflussfaktoren, die aus der besonderen historischen Situation des 16. Jahrhunderts mit der Veränderung des Verhältnisses von Kirche, Staat und Gesellschaft herrührten, hinzu. Auf den an der Wende zum 17. Jahrhundert gefundenen Richtlinien des Ordens zur Kolleginstitution stützte sich Maximilian I. von Bayern bei der Gründung und beim Ausbau seiner Kollegprojekte.

2. Kollegientypen

Der Typus der jesuitischen Kolleginstitution leitet sich seiner Herkunft nach aus dem traditionellen (spät-) mittelalterlichen Kollegwesen ab. Das Kolleg nach Ordensnorm knüpfte mit seinen konstituierenden Elementen an der traditionellen Form der Kollegien an den Universitätsorten an, besass jedoch in seinen verschiedenen Ausformungsstufen gegenüber der älteren Kollegtradition eine differierende Ausprägung, die aus der Besonderheit des eigencharakteristischen jesuitischen Studienaufbaus herrührt. Die jesuitische Kolleginstitution entwickelte sich in Übereinstimmung mit den besonderen Ordensstatuten der Gesellschaft Jesu und hob sich dadurch von den Kollegientypen der älteren scholastischen Universitätstradition ab.

Bei der Bearbeitung des Fragenkomplexes »Kollegium« ist nach den konstituierenden Grundelementen des Kollegtyps (etwa im Unterschied zur Burse, etc.) zu fragen.
Zunächst werden die konstituierenden Grundbestandteile der traditionellen Kollegien und der Jesuitenkollegien und deren gemeinsame Grundelemente dargestellt. Dazu wird eine Charakterisierung des Kollegienwesens zunächst in seiner Allgemeingültigkeit vorgenommen.
Es ist zu differenzieren zwischen den Kollegien der älteren, spätmittelalterlichen und denen der neueren, frühneuzeitlichen Kolleggeneration. Die für die Kollegien (auch in ihrem Verhältnis zur Universität) wesentlichen und konstituierenden Grundlagen und Voraussetzungen basieren in wesentlichen Teilen auf den Errungenschaften des älteren Kolleg- und Universitätswesens vor der Reformation.

Die Einrichtung des jesuitischen Kollegientyps, also eines nachreformatorisch-konfessionellen Kollegientyps, stellte eine Modifikation des spätmittelalterlichen Kollegtyps dar. Das Jesuitenkolleg war zunächst als ein ordensinternes Kolleg konzipiert, wurde dann aber - bedingt durch äussere Anstösse - zur Bildungsinstitution auch für externe Schüler und Studenten ausgebaut. Die Folgen des Tridentiner Seminardekretes brachten eine über den Umfang eines üblichen Kolleges hinausgehende Erweiterung der Jesuitenkollegien in institutioneller und in funktional-baulicher Hinsicht.

Die verschiedenen Ausprägungen des Typus »Kolleg« (d. h. die spätmittelalterlichen und die »modernen« neuzeitlichen Kollegien einschliesslich der Jesuitenkollegien) stellen keine einheitliche und in sich homogene Erscheinung dar. Eine Kollegeinrichtung war abhängig von den jeweiligen Intentionen und den finanziellen Zuwendungen ihrer Stifter. In der Folge wies das Kollegienwesen eine Vielfalt von Erscheinungsformen auf, einmal was die rechtliche statutenmässige institutionelle Ausstattung anbetrifft, dann aber auch in Hinblick auf die baulich-funktionelle Struktur und das bauliche Erscheinungsbild der einzelnen Kollegrealisierungen.

Je nach Auffassung und Standpunkt der wissenschaftlichen Betrachtung variieren die Beurteilungs- und Einordnungskriterien zu den einzelnen Kollegientypen.
So unterscheidet J. M. Fletcher sieben Formen von Kollegien, also unterschiedliche Ausprägungen, die unter den Kollegienbegriff fallen: Kollegien für Schüler, für Universitätsstudenten, für Universitätslehrer, für Mitglieder eines Ordens, für ausländische Studenten eines Landes, das Universitätskolleg und das Jesuitenkolleg99.
E. Levy leitet seine Unterscheidungskriterien nach den Funktionsbereichen der einzelnen Kollegien ab und formuliert daraus drei Hauptkategorien:

1. Das finanzielle, ökonomische Interesse,
2. das »soziale« Anliegen einer Kolleggründung und
3. die disziplinäre und die pädagogische Grundmotivation (d.h. propädeutischer Unterricht in den Kollegien).

Kollegienstiftungen wurden Levys Darstellung zufolge vor allem für Studierende und Lehrende der Artes und der Theologen eingerichtet100.
W. Frijhoff unterscheidet die Kollegien darüber hinausgehend nach Typen, nach ihren Funktionen und nach ihren Konzepten zur Aufrechterhaltung der Disziplin101.

3. Kollegien an den Universitäten des Spätmittelalters

Die Entwicklung des Kollegienwesens ist eng mit dem spätmittelalterlichen Universitätswesen verbunden. Die Grundidee des Kollegwesens bildete sich etwa ab Mitte des 13. Jahrhunderts an der Universität Paris aus. Der artistisch-theologischen Grundausrichtung der Studien an der Universität in Paris gemäss konstituierten sich hier vor allem Artisten- und Graduiertenkollegien für das Weiterstudium der Theologie, seltener Kollegien für Studierende der Medizin oder der Rechte102. Dieses ältere, spätmittelalterliche Kollegiensystem stand im späten 14. und 15. Jahrhundert in Blüte, nicht nur in Paris, sondern auch an den englischen Universitäten Oxford und Cambridge. Es strahlte von hier auf die jüngeren Universitätsgründungen in Europa aus.

Von ihrer Gründungsidee her stellen die Kollegien zunächst eine Antwort dar auf das drängende Wohnraumproblem, mit dem die Studierenden an den Universitäten konfrontiert waren. Im Verlauf der Entwicklung dienten die Kollegien zunehmend als Orte von Lehrveranstaltungen.
Ein Kolleg war, anders als die Universität, von Anfang an eine Institution, die mit Gebäuden und Räumen ausgestattet war. Die Universität in Paris besass in ihren Anfängen nur ganz wenige eigene Lehrgebäude. In ihrer weiteren Entwicklung führte die Universität ihre Lehrveranstaltungen immer mehr in den Kollegien durch. In der späteren Entwicklung erfolgte dann die Abhaltung ganzer Universitätskurse in den Kollegien (vgl. dazu auch die Artistenkollegien im Reich und deren Lehrveranstaltungen).
Grosse Kollegien hielten schliesslich ganze Philosophie- und Theologiekurse mit Vorlesungen, Repetitions- und Disputationsveranstaltungen in den Versammlungsräumen der Kollegien ab. Die Kollegien waren dadurch mit der universitären Lehre verbunden und hatten damit annähernd universitäre Aufgaben inne.
Die Aufsicht über die Kollegien in Paris verblieb jedoch bei der Artistenfakultät der Universität. Dieses an der Universität Paris praktizierte Lehr- und Kollegiensystem verfestigte sich im Lauf des 14. und 15. Jahrhunderts. Durch die Verbindung von Lehrangebot und fester Raumordnung in den Kollegien wurde zugleich die Herausbildung des sog. »Modus Parisiensis« ermöglicht.
Der Unterricht und die Vermittlung von Lehreinheiten erfolgte in festen, aufsteigenden Klassen mit einer Beurteilung der Studenten nach dem Leistungsprinzip.

Beide Funktionen des Kollegs, die des Wohnens und der Lehre, wurden in den Statuten der Kollegien genau geregelt. Nach den Stiftungsgrundsätzen der frühen Pariser Kollegien hatten diese Kollegien die sittlich-religiöse Erziehung der Kolleginsassen zum Ziel nach dem Motto »vivere socialiter et collegialiter et moraliter et scholariter« des Kollegs von Robert de Sorbonne (gegründet 1257).

Ein völlig anderes Wohn- und Lehrsystem stellte dagegen der sog. »Modus Italicus« der Universität Bologna dar. Abweichend vom streng reglementierten Wohn-, Lehr- und Erziehungssystem der Kollegien erlaubte dieser »Modus Italicus« den Studenten die freie Wahl des Wohnens und der Lehrveranstaltungen. Ignatius von Loyola entschied sich jedoch bei der Formung der jesuitischen Kolleginstitution für das ihm von seinem Studium in Paris her bekannte Kollegiensystem und die Anwendung des »Modus Parisiensis zur Erlangung seiner ordensspezifischen Ziele.

Die Grundlage für die Einrichtung der Kollegien bildet das Stiftungswesen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Die Gründungsinitiative für eine Kolleginstitution ging von einzelnen Stifterpersönlichkeiten, nicht von den Studierenden und Lehrenden selber aus. Die kostenfreien Wohnplätze, die sog. Kollegiaturen, wurden an ausgesuchte Studenten vergeben. Bursen wurden dagegen von Magistri regentes, also von zur Lehre befähigten Lehrern, aus eigener Initiative gegründet. Die religiös-rechtlichen und die materiellen und finanziellen Aspekte der Kollegiengründungen wurden durch die Statuten einer Kollegstiftung geregelt.

Als Stiftungsmotive103 der Kollegien standen, der mittelalterlich-abendländischen Tradition folgend, zuvorderst religiöse und soziale Gründe, d. h. die Sorge für das Seelenheil des Stifters und die Förderung bedürftiger Studierender, die auf die Stiftungsziele verpflichtet wurden. Die »frommen Stiftungen« aus religiösen Motiven (»pia causa«) erreichten im 14. und 15. Jahrhundert einen Höhepunkt. Seit Beginn der Neuzeit gewann die Sorge um das öffentliche Wohl, die »publica causa« als Stiftermotivation immer mehr an Bedeutung.

Der Stifter unterwarf seine Kollegstiftung in den von ihm erlassenen Gründungsstatuen, welche die näheren Stiftungsmodalitäten regelten, einem genau definierten Stiftungszweck. Die Statuten regelten sämtliche rechtlichen Belange der Kollegstiftung. In organisatorischer und disziplinarischer Hinsicht wurden die Leitungsbefugnisse, die Formen des Zusammenlebens von Studenten und der Tagesablauf innerhalb der Kolleginstitution festgelegt. Die ökonomische und disziplinarische Leitung gemäss dem Stiftungszweck oblag einem statutengemäss eingesetzten Magister regens, der auch für die Aufgabe der Abhaltung von Studienveranstaltungen (Repetitionen, Kommentare, etc.) verantwortlich war.

Weitere Aufgaben zur internen Organisation des Hauses wurden an bestellte Personen und solche aus dem Kollegiatenkreis vergeben. Die Statuten regelten die Besetzung der Kollegiaturen durch bestimmte, dafür qualifizierte Studenten sowie die Verweildauer der Studenten im Kolleg. Die Wohndauer war in der Regel auf die Zeit des Magisteriums begrenzt, erlaubte darüber hinaus aber, je nach Statut, eine längere Aufenthaltsdauer, etwa beim Weiterstudium der Theologie.

Die betriebliche Organisation der älteren Kollegien wies Parallelen zu den klösterlichen Organisationsformen der Ordensklöster auf. Die Studenten wurden durch eine halbklösterliche Regel zu einer Lebens- und Studiergemeinschaft zusammengefasst, die einer gewählten Führung unterstand. Die anfallenden Hausgeschäfte wurden durch Bedienstete besorgt.

Die Stiftung eines Kollegs umfasste ausserdem die Fundation und Sustenierung des Kollegs, also die Unterhaltskosten für den laufenden Betrieb, die Versorgung der einwohnenden Studenten und den laufenden Bauunterhalt des Kollegs104. In den Statuten wurde vom Gründer eine feste Zahl von Stipendiaten vorgeschrieben und eine feste Ordnung des Zusammenlebens und des Kollegbetriebs (vgl. »Ordensregeln«) festgelegt.

Mit der Stiftung eines Kollegs war notwendig auch dessen materielle und dessen finanzielle Ausstattung verbunden. Die Stiftung von Finanzmitteln hatte zur Folge, dass die Gründung eines Kollegs und die Erstellung des Kollegiengebäudes (durch Erwerb und als Adaption eines älteren Gebäudes durch Umbau oder durch einen Neubau) in einem relativ kurzen Zeitraum verwirklicht werden konnte. Je nach Grösse und Umfang der Stiftung und deren Anforderungsprofil wurde ein entsprechendes Raumprogramm formuliert, das dann beim Kollegbau räumlich umgesetzt werden konnte.

Das Vorgehen bei der baulichen Einrichtung eines Kollegs vollzog sich nach erfolgter Kolleggründung nach einem wiederkehrenden Ausführungsschema. In der Anfangsphase wurden erste Gebäude erworben und durch Um- und Ausbau für die Nutzung als Kolleg instandgesetzt. Wenn ausreichende finanzielle Mittel vorhanden waren, konnten nach gründlicher Vorplanung auch Neubauten errichtet werden. Dieses hier aufgeführte Schema gilt grundsätzlich auch für die unter Wilhelm V. und Maximilian I. von Bayern gegründeten Ordenskollegien des Jesuitenordens.

4. Die Kolleginstitution des Jesuitenordens

Die Gesellschaft Jesu schuf in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens - im Prozess der Institutionalisierung des Ordens - einen eigenen Kollegientypus nach jesuitischer Ordensnorm. Dieser Kollegtypus wurde von der Gesellschaft Jesu als die ihren Ordenszielen adäquate Einrichtung ausgeformt und war in besonderer Weise mit dem Bildungs- und Universitätswesen verbunden105.

Die Spezifik der Kolleginstitution des Jesuitenordens und seiner Aufgabenfelder formte sich in einer Wechselwirkung der ordensinternen Reflexion über die Ziele des Ordens und der Formung des Ordens durch äussere Faktoren, die aus der Bestimmung des Ordens für die verschiedenen Einsatzgebiete resultierten. Der für die Profilierung des Jesuitenkolleges wesentliche Formungsprozess vollzog sich - parallel zur Definierung und Positionierung des Ordens selbst - innerhalb eines Zeitraumes von annähernd sechzig Jahren seit dem Gründungsbeginn im Jahr 1540.

In den Kollegstatuten, die auf den »Konstitutionen« des Ignatius (entstanden 1540 bis 1556, von der zweiten Generalkongregation angenommen 1558) basierten, wurden zunächst die Ordensziele wie auch die Leitlinien einer der Ordenseinrichtung festgelegt. Ordensgeneral Jakob Lainez erweiterte dann 1559 den Aufbau des jesuitischen Kollegs zu einem vierstufigen Kollegmodell, wiederum in Anpassung an die zwischenzeitlich veränderten bildungsspezifischen Anforderungen an den Orden. Das jesuitische Kollegmodell wurde in den folgenden Jahrzehnten weiter ausgebaut. Die jesuitische Studienordnung wurde 1599 durch die »Ratio Studiorum« endgültig festgelegt und blieb bis zur Aufhebung der Gesellschaft 1773 gültig. Das Kollegmodell wirkte in dieser Form auch als Rahmen für die Kollegneugründungen Maximilians I. von Bayern in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts.

4.1 Die Entwicklung des jesuitischen Kollegienwesens

Die Formung des Ordens und der Kolleginstitutionen erfolgte wesentlich unter dem Generalat des Ordensgründers Ignatius von Loyola (1491 bis 1556). Die geistig-konzeptionelle Ausrichtung des Ordens ist eng verbunden mit dem Erfahrungsweg des Ignatius von Loyola. Der Bildungsweg des Ignatius führte über die spanischen Universitäten Alcalá und Salamanca an die Universität Paris und weiter an das Zentrum der westlichen Christenheit nach Rom. Diese Stationen bedeuten jeweils wichtige Wegmarken auch für die Verfassung und das Wirken der Gesellschaft Jesu.

Die Ausprägung der Statuten (= Konstitutionen) für das jesuitische Ordenskolleg vollzog sich vor allem in Auseinandersetzung mit den Traditionen und Formen des Kollegienwesens in Paris und in seinem Verhältnis zur dortigen Universität106. Aus dieser Umwelt bezogen Ignatius und seine Gefährten ihre prägenden Vorstellungen über Erziehungsziele, Erziehungsmethoden und die institutionelle Verfassung des neugegründeten Ordens.

Die Vorstellungen vom Universitäts- und Kollegwesen wurden besonders durch den Pariser Studienaufenthalt und die Kollegerfahrungen des Ignatius an den Kollegien St. Barbe und Montaigù geformt107. Die Kollegien im Quartier Latin in Paris bestanden in der Mehrzahl aus Magister- und Theologenkollegien, waren also ganz auf die geistig-geistliche Ausbildung ausgerichtete Institutionen108. Die vor dem Hintergrund der älteren Kollegtradition von Paris gewonnenen methodischen und institutionellen Erfahrungen wurden wesentlich für die Entwicklung der Ordensverfassung und der Beschreibung der Aufgabenfelder des Jesuitenordens. Sie boten die Voraussetzung für die Ausprägung eines spezifisch jesuitisch geprägten Ordenskollegs.

In Paris wurde traditionell die scholastische Lehre vermittelt. Einige Kollegien an der Universität Paris förderten ausserdem die humanistischen Studien. Diese Geistesströmungen der Neuscholastik und des Humanismus prägten auch den Studien- und Erziehungsplan des Ordens mit dem Bildungsziel der »sapiens atque eloquens pietas«. Die Studien bei der Societas Jesu galten zunächst vor allem der Ausbildung des eigenen Ordensnachwuchses. Erst in einem zweiten Schritt wurde das ordensintern ausgerichtete jesuitische Kollegmodell auch für Aussenstehende geöffnet und an die allgemeinen Erfordernisse angepasst. Diese Kollegform schuf die Basis für das breite Wirken des Ordens als Erziehungs- und Schulorden der katholischen Kirche.

In Rom betrieb Ignatius die Anerkennung der neuen Ordensgemeinschaft und ihrer Ziele durch die katholische Kirche. Er unterstellte den Orden den Anordnungen des Papstes. Das Zentrum der katholischen Christenheit wurde zum Ausgangsort aller weiteren jesuitischen Ordenstätigkeit. Ignatius formte hier die Ordensverfassung und die institutionelle Ausrichtung seiner Kollegien, beginnend mit den »Formula instituti« von 1540. Die Formung der Statuten des Ordens (= die Konstitutionen; erste Entstehungsphase 1540 bis 1550) geschah in Auseinandersetzung mit den Ordens- und Studientraditionen der älteren Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner, aber auch mit denjenigen der Augustiner-Regularkanoniker.

Die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu von 1541 (1. Redaktion) wurden, nachdem Ignatius die Regeln der monastischen Orden und der Bettelorden eingehend studiert und über bestimmte Punkte die Ansichten seiner ersten Gefährten eingeholt hatte, vollständig umgearbeitet (2. Redaktion) und 1550 probeweise eingeführt. Nach erneuten redaktionellen Überarbeitungen der Konstitutionen bis zum Tod des Ordensgründers Ignatius am 31. Juli 1556 folgte die Annahme der endgültigen Fassung 1558 auf der zweiten Generalkongregation unter Ordensgeneral J. Lainez109.

Die für die Entwicklung des Ordens zum Erziehungsorden besonders wichtigen Jahre zwischen der Ordensgründung 1540 und der Abfassung der ersten Konstitutionen von 1550 durch Ignatius wurde von L. Giard untersucht110.

In seinen Ausführungen erörtert Giard die Entscheidungsfindung des Ordens zur Erziehungs- und Schulfrage einschliesslich der Zweifel, die bei der Klärung der Fragen zur Finanzierung der Kollegien (etwa bezüglich der Haltung zu Humilitas und Armut) zu bewältigen waren111. Giard betont die Herkunft der ersten Vertreter des Ordens aus dem universitären Milieu und die Bedeutung dieser Erfahrungen für die spätere Ausformung des Erziehungs- und Kollegienwesens der Gesellschaft Jesu.

Zu Anfang strebte die Gemeinschaft eine Ordenstätigkeit in der Mission und nicht die Erziehung als primäres Ordensziel an. Der Orden wollte den Menschen durch das Wort helfen, durch Predigt und Unterricht. Noch 1541 wurde in den Satzungen der Gesellschaft Jesu ausdrücklich betont: »No estudios ni lectiones en la Companía«. Demnach wollte der Orden anfänglich keinen eigenen Lehrbetrieb in seinen Ordenshäusern. Die Ordensleitung legte jedoch stärksten Wert auf eine höhere Bildung seiner Mitglieder.

Der Schritt an die Universität erfolgte danach vor allem aus Gründen der Ausbildung des eigenen Ordensnachwuchses. Obwohl schon in den ältesten Beschreibungen der Gesellschaft Jesu von Kollegien die Rede ist, sollten die Ordenshäuser lediglich eine Art Seminar für noch auszubildende Jesuiten in Städten mit angesehenen Universitäten sein. Ein eigener Lehrbetrieb wurde organisiert nach einem Lehrplan, der jesuitischen Vorstellungen entsprach. Die jesuitischen Lehrer sollten dort aber nicht in den Lehrkörper der dortigen Hochschulen eingebunden werden. Die Kosten der Ausbildung und der Einrichtung von Ordenshäusern mussten wegen des Armutsgelübdes des Ordens auf einen Stifter abgewälzt werden. Die Fundierung von Kollegien durch eine Stiftung entsprach der Kollegtradition.

In seiner Frühzeit besass der Orden Niederlassungen in Paris 1540, Coimbra, Padua und Löwen 1542. Bereits 1545 übernahm die Gesellschaft Jesu die Leitung der Universität in Gandia. 1551 konnte das Collegium Romanum eröffnet werden. Die Übernahme der Universität Messina durch die Gesellschaft Jesu und die Errichtung eines jesuitischen Kolleges nach Ordensnorm im Jahr 1548 wurde zur entscheidenden Erfahrung für die weitere Kollegienentwicklung112.

Im Universitätskolleg von Messina konnte das dreigliedrige Fakultätssystem nach Ordensnorm erstmals realisiert werden. Der Unterricht betonte die praktische und übungsmässige Aneignung des Stoffes, u.a. durch Repetitionen und Disputationen. Neben Ordensnovizen nahmen auch Externe am Unterricht teil. Das Kolleg von Messina wurde das Modell des neuen Kollegtyps. Seine Anwendung erfolgte ab 1561 (nach Aufhebung der Beschränkung der Anzahl von Ordensmitgliedern) mit der Verbreitung des Jesuitenordens in den verschiedenen Ländern Europas. Der Jesuitenorden hatte sich - in Übereinstimmung mit seinen apostolisch-aktivistischen Missionsidealen - im Gehorsamsgelübde dem Papst gegenüber zur Verfügbarkeit verpflichtet, wo immer er gebraucht wurde.

In der Konsequenz wurde die Gesellschaft Jesu zunehmend an den Brennpunkten der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, vor allem zunächst - wie das Beispiel in Deutschland zeigt - an verschiedenen Universitätsorten, eingesetzt.

4.2 Der Aufbau des jesuitischen Studiensystems

Den Schlüssel zum Verständnis der Tätigkeit der Jesuiten im Universitäts- und Bildungsbereich liefern die Umschreibung der Zielsetzung des Ordens und die Gewichtung der dieser sich zuordnenden Wissenschaften in den Konstitutionen113. Dem »finis ultimus« des Ordens und aller Menschen diene - so schreibt Ignatius in den Konstitutionen - zu allererst ein musterhaftes Leben. Allerdings seinen Wissenschaft und Wissensvermittlung »auch« nötig, doch sollten Wissenschaft und Lehrtätigkeit der pastoralen Zielsetzung zu- bzw. untergeordnet sein.

Im Studienaufbau des jesuitischen Kollegsystems lässt sich eine Zweiteilung der Studien feststellen, nämlich in die »studia inferiora«, in Anlehnung an die von Ignatius als »facultas linguarum« umschriebene Stufe (der Gymnasialstudien), und die »studia superiora«, welche die offenbar als bewährt erachtete Unterteilung in einen philosophischen und einen theologischen Kursus beinhaltet.
Die Fächer der »litterae humaniores« (die sog. Humaniora mit der Vermittlung von Sprachkenntnissen in Latein, Griechisch und Hebräisch, etc.) ordnete Ignatius der Theologie unter. An die »studia inferiora« schliessen die freien Künste (artes) und die sog. Naturwissenschaften (scientiae naturales) an. Diese Disziplinen könnten nämlich »auch« den Geist auf die Theologie »disponieren« und ihrer praktischen Förderung dienlich sein, vorausgesetzt, dass man in allem die grössere Ehre Gottes suche114. Das »medium magis proprium« zur Erreichung des Ziels stellte die »facultas theologiae« einer Universität dar. Der Studienaufbau fand also seinen Abschluss durch das Studium der Theologie.

Die Ausführungen des Ignatius umrissen klare Zielvorstellungen bezüglich Inhalt und Methode eines Jesuitenstudiums. In allen einschlägigen Vorschriften blieb der Blick auf das jeweils Mögliche die massgebende Leitschnur. »Ob im Blick auf den zu wählenden Ort oder die Grösse eines Kollegs, ob hinsichtlich der Bücher, des Umfangs oder der Zeit des Studiums, fast immer hatte Ignatius wörtlich oder sinngemäss die Einschränkung gemacht »si commode« oder »si fieri potest«115.

Für den Aufbau der institutionellen und baulichen Strukturen der Kollegien der Gesellschaft Jesu wurden vor allem drei grundlegende Stadien der Entwicklung massgebend116:
Die Bestimmungen in den Konstitutionen von Ignatius (angenommen 1558); die neuerliche Durchstrukturierung des Kollegwesens durch Lainez (1559) und schliesslich die Festlegung des Systems in der »Ratio Studiorum« in ihrer Endredaktion (1599)117. Diese Verordnungen wirkten sich auf die Kolleginstitution und in der Folge auch auf die Formulierung des zugehörigen funktionalen-baulichen Programmes aus.

Ignatius gab in seinen Konstitutiones (1550) Anhaltspunkte für eine Drei-Fakultäten-Ordnung des Studiums »Universitatis in Collegio Societatis«. Er legte die Mindestgrösse eines einfachen Kollegs und eines grossen Ordenskollegs fest und definierte die Funktionsbereiche dieser beiden Kollegformen: das kleinere Kolleg diente danach der Unterrichtung in den »litterae humaniores ac linguarum et doctrinae christianae«, also den sog. Gymnasialklassen. Diesen Fächern konnte als Aufbaustufe auch eine Art Pastoralkursus »de casibus conscientiae« für den Seelsorgeklerus angebunden werden. Nach Ignatius sollte aber bevorzugt eine breiter ausgebaute Institution realisiert werden, nämlich das grosse Kolleg mit insgesamt drei Fakultäten118. Grundsätzlich sollte das ganze Schul-, Wohn- und Wirtschaftssystem dieses Kolleges in der Verantwortung eines Rektors liegen, welcher der Ordensleitung rechenschaftspflichtig war119.

Unter Jakob Lainez (1558 bis 1565) erfolgte eine weitere Ausweitung der Ordenstätigkeit in der Schul- und Erziehungsarbeit120. Lainez baute in seinem vierstufigen Kollegentwurf von 1559 auf den Anweisungen des Ignatius auf, fügte aber zusätzlich zwei mittlere Kollegiengrössen ein.
Diese Kollegien führten auf die als Ideal gedachte Vollform des Studiums in der »Universitas in Collegio Societatis« hin:
Die erste Stufe eines Kollegs sah die Unterrichtung in Lateinklassen vor; diese Stufe kam in der Praxis jedoch kaum vor und war in der »Ratio Studiorum« nicht mehr als eigene Kollegform vorgesehen. Als zweite Kollegstufe wurden Gymnasialklassen mit der Möglichkeit einer Angliederung eines Pastoralkurses (de casibus conscientiae) geplant. Die dritte Kollegienstufe stellte der philosophische Kursus (artes liberales) dar. Mit dem Studium der Theologie in der vierten Kollegausbaustufe fand das Universitätsstudium seinen Abschluss. Dieses vierstufige Kollegsystem wurde von Lainez als Norm, als »ordo«, bezeichnet121. Lainez legte, auch aus ökonomischen Gründen, eine Mindestzahl der Bewohner für diese vier Arten von Kollegien fest.

Die Studien in den Kollegien der Gesellschaft Jesu orientierten sich fast ein halbes Jahrhundert an den von Ignatius verfassten Konstitutionen (1550) bzw. der von Lainez (1559) aufgestellten Kolleg- und Studienordnung. Die Ausbreitung des Ordens erforderte eine einheitliche, alle Kollegien des Ordens verpflichtende Studienordnung.

Nach einer zwölfjährigen Probezeit (1586 bis 1599) genehmigte General Aquaviva (1581 bis 1615) am 8. Januar 1599 die »Ratio atque Institutio Studiorum Societatis Jesu«. Die »Ratio Studiorum« blieb in ihren wesentlichen Grundzügen bis ins Jahr 1773 gültig.

5. Die Kollegbauten des Jesuitenordens und die Tradition

Die Grundlage für die Baustrukturen der Kollegien des späten Mittelalters bilden in wichtigen Grundzügen die Bauanlagen der traditionellen Ordensklöster. Auch die Kolleganlagen der frühen Neuzeit, so auch der Jesuiten, lehnen sich an der Idee des um einen (oder meherere) Innenhof angelegten »Klosterkolleges« an. Bei der überwiegenden Mehrzahl der spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Kollegien zeigt sich eine Überschneidung der Funktionsbereiche und der Formulierungen ihres Raumprogrammes mit dem der mittelalterlichen Klosteranlagen.

Das Raumprogramm der Kollegien bestand in seiner frühen Form im 14. und 15. Jahrhundert nur aus den der Kolleggemeinschaft dienenden Funktionsbereichen, also aus Räumen für Unterkunft, Lehre und Versammlung, Verwaltung, Speiseraum und Küche122. Eigene Oratorien gab es in dieser Zeit in den wenigsten Fällen, meistens wurde eine nahegelegene Kapelle oder Kirche mitgenutzt. Entsprechend der zunehmenden Etablierung und Integrierung der Kollegien in die Universität wuchs der Wohlstand der Kollegien durch freigiebige Stiftungen. Dadurch gehörte bald auch eine eigene Kapelle zum festen Bestand der Kollegien. Zu den bestehenden Räumen kamen Lehrräume hinzu, dann Aufenthaltsräume, Verwaltungsräume, die Bibliothek mit Schatzkammer und Archiv, ausserdem Wohnungen des leitenden, aufsichtsführenden und bediensteten Personals, der Eingangsbau mit Pförtnerloge, Vorrats- und Wirtschaftsräume, Scheunen, Brauerei und Bäckerei, Küchengärten und Stallungen. Der Rektor bewohnte ein abgeschlossenes, meist auch aus Repräsentationsgründen architektonisch besonders hervorgehobenes Gebäude. Die Erweiterung des Raumprogrammes und der Gesamtarchitektur eines Kolleges erforderte entsprechend dem gewachsenen Umfang der Kolleganlagen ein grösseres Bauareal.

Das Raumprogramm der verschiedenen Kollegientypen stimmt weitgehend miteinander überein in der jeweils zu leistenden Funktionen von Unterkunft, Lehre, Versammlung und Verwaltung. Der Funktion entsprechend wurden zentrale, gemeinschaftliche und private Einrichtungen jeweils in einem gesonderten Bauwerk zusammengefasst. Grösere Kollegien bestanden - entsprechend ihren verschiedenen Funktionsbereichen - aus mehreren Baukörpern, die um einen gemeinsamen Innenhof gruppiert wurden und von diesem aus erschlossen wurden.

Berühmte Beispiele des frühen Kollegienbaues sind das Collège de Sorbonne in Paris und das Spanische Kolleg in Bologna:
Das Collège de Sorbonne in Paris ist ein prominentes Beispiel einer Bauanlage, die aus der Aneinanderfügung von Einzelbauten ohne systematischer Gesamtordnung entstand. Das Kolleg bestand zunächst aus einem Konglomerat von Häusern.

Paris, Sorbonne, Bauzustand 1530
Paris, Sorbonne, Bauzustand 1530

In der Kombination von vorhandenen und neuerrichteten Gebäuden, die sich um einen gemeinsamen Innenhof gruppierten, lässt sich das Leitbild einer klosterähnlichen Innenhofanlage ablesen. Eine repräsentative Gestaltung der Gesamtanlage nach einer einheitlichen Gesamtplanung erfolgte erst beim Neubau der Anlage im 17. Jahrhundert (1627 ff.).

Paris, Sorbonne, Bauzustand 1627,1648
Paris, Sorbonne, Bauzustand 1627/1648

Eine weitere vorbildgebende bauliche Ausprägung des Typus Kollegium aus der Frühzeit des Kollegbauwesens stellt das Spanische Kolleg in Bologna (erbaut 1367ff.) dar.

Bologna, Collegio di Spagna, errichtet 1365/67
Bologna, Collegio di Spagna, errichtet 1365/67

Die Anlage ist »der erste Neubau eines Kollegiums, in dem das Raumprogramm eine eindeutige funktionelle und formale Gestalt annahm [..]«123. Die vier Bauflügel wurden in einer regelmässigen Anordnung um den gemeinsamen Innenhof nach dem Quadrangularschema angelegt. Der Stifter der Kolleganlage war Kardinal Albornoz, ein hochgestellter kirchlicher Würdenträger. In diesem Bau verband sich die Forderung nach Funktionalität mit einer formalen Gestaltung, die auch den Anforderungen der Repräsentativität entsprach. Die regelmässig angeordneten Flügel waren klar nach Nutzungsbereichen getrennt, wobei zwei Trakte für private und gemeinschaftliche Einrichtungen vorgesehen waren. Die souveräne Formulierung des Raumprogrammes wie der Einzelarchitekturen und der Gesamtanlage hob das Spanische Kolleg aus der Reihe der Kollegbauten als eine ideale bauliche Umsetzung der Bauidee des Bautyps Kollegium hervor124.

Mit der Entscheidung des Ignatius für die von der Universität in Paris, bzw. deren Kollegien her bekannte Lehrmethode des »Modus Parisiensis«125 für die Verwirklichung der Studienziele des Ordens durch Ignatius, erfolgte zugleich die Festlegung auf ein Raumprogramm und eine feste funktionale, räumliche Struktur der Jesuitenkollegien. Dies hatte Folgen für die bauliche Anlage der jesuitischen Ordenskollegien und deren Architektur. Lehrer und Studenten benötigten, sofern sie ans Kolleg oder Konvikt bzw. Internat gebunden waren, geeignete Unterkunfts-, Aufenthalts-, Lehr- und Lernmöglichkeiten126.

Das Raumprogramm eines Jesuitenkolleges als Aufenthaltszentrum der Ordenskommunität umfasste die Pforte, die Zimmer der Patres und Fratres, Gästezimmer, Räume des Rektors, das Oratorium, das Refektorium, die Küche, Rekreationsräume, das Sprechzimmer, den Archivraum, die Bibliothek. Die Lehranstalt (= Schulgebäude) eines jesuitischen Kollegiums besass mehrere Klassenräume für die Vorschule und das Gymnasium mit der Aula und bei den grösseren Kollegien der oberen Ausbaustufen auch Hörsäle für den Pastoralkursus und für die vollen philosophisch-theologischen Studien der Weltpriester und Ordensleute. Die Kirche bildete den geistigen und baulichen Mittelpunkt des Baukomplexes. Ausserdem umfasste ein Jesuitenkolleg einen Konvikt- oder Internatsbereich, Kongregationssäle für die Studenten- und Bürgerkongregationen, Dienst- und Wirtschaftsräume, Nebengebäude, mitunter eine Brauerei und Gartenanlagen.

Das Arbeits- und Anforderungsprofil der »Ratio Studiorum« definierte ein klar umrissenes Funktionsprogramm und Aufgabenfeld, das seinem Ausdruck im Kollegaufbaumodell und der korrespondierenden räumlich-baulichen Struktur einer jesuitischen Kollegienniederlassung fand.

In der Bezeichnung des »Klosterkollegs« als Bezeichnung für die Anlage der jesuitischen Kollegien bringt K. Rückbrod die Verbindung des Bautypus des Kollegs mit dem des Klosterbaues zum Ausdruck127. Auf das Anlageschema der jesuitischen Ordenskollegien wirkte zunächst das Vorbild der spätmittelalterlichen Kollegbauten und deren Raumprogramm ein. »Wir sehen, dass das tägliche Schema des Tagesablaufes und die Kollegstatuten der Jesuitenkollegien auf den Normen der späten scholastischen Kollegien der alten Kollegien basieren«128.

Die Vertreter des Bauwesens der Gesellschaft Jesu griffen in der Frage der Errichtung jesuitischer Kolleganlagen aber auch auf die Erfahrungen der älteren Orden im Umgang mit der Ordens- und Klosterarchitektur129 zurück. Die Anlage der spätmittelalterlichen Klosterbauten erfolgte in Auseinandersetzung zwischen den Anforderungen an die Funktionalität mit einem zweckentsprechendem Raumprogramm der Anlagen und den ästhetisch-gestalterischen Kriterien für eine ansprechende bauliche und räumliche Anordnung der Baukörper.

Ein Beispiel für eine systematisch-geordnete Anlage von Klosteranlagen ist die Ordensarchitektur der Zisterzienser, deren Bauten nach einem gleichgearteten Grundrißschema angelegt wurden. Auch das Beispiel der Architektur der Stadtklöster der Dominikaner und Franziskaner wirkte auf die Anlage der jesuitischen Ordenskollegien ein. Die Mendikantenorden siedelten sich zur Erfüllung ihrer Aufgaben in den Städten und Universitätsorten an. Die Stadtlage dieser Klöster hatte Auswirkungen auf die Anlage der Klosterarchitektur. Der begrenzte Baugrund erforderte die Anpassung der Anlage der Bauten an die vorhandenen, meist begrenzten räumlichen Gegebenheiten.

Vom Jesuitenorden wurden die Erfahrungswerte der älteren Orden im Umgang mit der Planung und Errichtung von Ordensanlagen auch bei der Neuanlage der eigenen Kollegien der Societas Jesu genutzt. Anders als bei den älteren Orden traten jedoch beim Jesuitenorden - als einem in der Erziehungsarbeit tätigen Orden - besondere, für die Öffentlichkeit zugängliche Bereiche für die Schul- und Studienarbeit hinzu.
Das besondere Anforderungsprofil der jesuitischen Ordenskollegien erforderte eine gegenüber dem älteren Klosterbau veränderte räumliche Organisierung und Anlageform der Ordensniederlassungen. Der Konventsbereich lag in räumlicher Nähe zum halböffentlichen Internatsbereich. Der öffentlich zugängliche Bereich der Schulgebäude war räumlich vom Konventbau abgetrennt. Die Anlage eines Kreuzganges, ein tragendes Element der mittelalterlichen Klosterbauten, entfiel beim Kollegbau der Jesuiten.
In der Anlage der Jesuitenkollegien trafen also die traditionellen Funktionen eines Klosters mit den neuen Aufgabenbereichen für die Erziehungsarbeit, für welche der Bautyp des Kollegiums vorbildgebend waren, zusammen. Abweichend von der Anlagestruktur der traditionellen Klosterarchitekturen waren innerhalb der Anlage eines jesuitischen Ordenskolleges die Grenzen zwischen privatem, öffentlichem und halböffentlichem Bereich fliessend.

K. Hengst weist darauf hin, dass die Patres in ihrer Kollegienorganisation in Deutschland bei einem kleinen Kolleg begannen und den Aufbau der Kollegien bis zur Einrichtung des vollen Universitätsstudiums fortsetzten130.
Die Darstellung der Verhältnisse in Bayern zeigt allerdings, dass vor allem dem Aufbau von Kollegien der mittleren Ausbaustufe als Voraussetzung für die höheren Studien der Artes und der Theologie vom Landesherr grosse Bedeutung zugemessen wurde. Die Aktivitäten Maximilians I. in Bayern galten daher vor allem der Gründung von Kollegien der mittleren Ausbaustufe in Hinordnung auf das Grosskollegium an der Universität Ingolstadt.

Die Vorgehensweise bei der Einrichtung eines jesuitischen Ordenskolleges verlief zumeist nach einem gleichlautenden Schema.

Die Baugeschichte des Kolleges Ingolstadt zeichnet den typischen Verlauf des Ausbaues einer Kollegniederlassung nach.

Kolleg Ingolstadt, Michael Wening 1701
Kolleg Ingolstadt, Michael Wening, 1701

Zunächst erfolgte die Nutzung einiger provisorisch eingerichteter Gebäude und die Errichtung einzelner Neubauten. Die Bewältigung des institutionellen Aufbaues einer neuen Ansiedelung stand in der Anfangsphase obenan. Erst zu einem späteren Stadium des Ausbaues des Kolleges wandten sich die Stifter auch der Gestaltung der Architektur dieser Kolleganlagen zu, zu einem Zeitpunkt, als über den reinen Kollegausbau hinaus auch das Interesse der Landesherrn nach repräsentativer Gestaltung der von ihnen gestifteten Kollegbauten seinen architektonischen Ausdruck suchte.

Kolleg München
Kolleg München

Mit der Kolleganlage in München wurde unter Wilhelm V. von Anbeginn (um 1583/1585) erstmals ein planerisches Gesamtkonzept zur Neuerrichtung der Gesamtanlage verfolgt.

Unter Kurfürst Maximilian I. von Bayern erfolgte dann in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Reihe von Neuplanungen von Kollegienanlagen in Burghausen, Landshut und in Amberg. Die Ausführung der einzelnen Kollegien wurde in den meisten Fällen, abweichend von den ursprünglichen Planungen, im weiteren Verlauf des Kollegausbaues modifiziert in Anpassung an die seit dem späten 17. Jahrhundert zwischenzeitlich veränderten Anforderungen an die Raumstruktur der Kolleganlagen des Jesuitenordens.