1. Lage
2. Bedarfszahlen und Raumprogramm
3. Architektur Kolleg Straubing
4. Architektur der Gesamtanlage Kolleg Straubing
Über den Zustand des Geländes vor der Ankunft der Jesuiten gibt das Sandtnermodell von 1568 Auskunft.
Der Grund- und Hauserwerb für das Kolleg Straubing zog sich über Jahre hin; er erfolgte mit Unterstützung Maximilians I. Zunächst wurde dem Orden 1631 die sog. alte Propstei aus kirchlichem Besitz übergeben. Dem Orden konnte schliesslich 1646/47 das grosse Anwesen des Staatsbeamten von Khuen übereignet werden. Dem Kolleg Straubing stand damit für die geplante Niederlassung eine relativ grosse, geschlossene Fläche zur Verfügung.
Die Einrichtung der Residenz Straubing erfolgte zunächst in Altbauten: in der »Propstei« (1631), ab 1646 in der Häusergruppe Ecke Theresienstrasse/Stadtmauer (durch Anbau erweitert 1667). Der Umbau der gotischen Kirche erfolgte 1680ff. Es ist festzuhalten: während des 17. Jahrhunderts war das Kolleg Straubing in Altbauten untergebracht, es wurden keine repräsentativen Neubauten ausgeführt.
Die Raumnutzung des bis zur Kollegerhebung 1650 als Residenz genutzten Hauses537 an der südlichen Jesuitengasse wird durch die beigelegte Legende überliefert: im Erdgeschoss befanden sich Küche, Refektorium, Dienstzimmer, der Gang, einzelne Zimmer, ein Wärmebereich, das Haupttor; Schulräume; im ersten Obergeschoss lagen Zimmer mit dem Wärmebereich, eine Kapelle, die Kongregationssakristei, der Gang; Klassenräume.
Über den Zustand der an der Theresienstrasse gelegenen Kollegbauten und deren Raumnutzung geben Pläne538, jeweils mit Legende und Kommentar, Auskunft.
Im Erdgeschoss des Südteiles lag das Pfortenzimmer neben dem Eingangsraum. Es folgen die Kollegverwaltung, die Schneiderei, verschiedene Zimmer, der Raum für die Wirtschaftsführung, Küche, Speis mit Keller, das Refektorium; Hof und Garten. Eine schmale Stockwerksstiege befand sich offenbar im westlichen Südfügel.
Im Westteil wechselte der Gang an die zur Stadtmauer weisende Aussenseite; die Räume lagen entsprechend hofseitig. Im Erdgeschoss führte in der Mittelachse ein Ausgang zum Hof; darüber befanden sich die in die Obergeschosse führenden Treppen. Die Sanitäranlagen waren in einem Gebäudeeck untergebracht. Der Gang, der an die Stadtmauer anlag, wurde um einen Lichthof rechtwinklig versetzt und entlang der nördlichen Schmalseite des Lichthofes zu einem Anbau mit Sanitäranlagen herumgeführt. An der Verlängerung dieses Ganges setzte eine Treppenanlage an.
Die Nordseite des Baues bildete zugleich die Nordbegrenzung des Kolleges. Die grossen Räume dieses aus der Kollegflucht des Westteiles in die Tiefe des Hofes herausspringenden Nordbaues beherbergten offensichtlich Gemeinschaftsräume wie das Refektorium u.a. Im Übergang von Westtrakt zum Nordbau lag wohl eine Kapelle (vgl. Dachreiter). Wie die zugehörige Beschreibung mitteilt, wurde 1667 ein neuer Gebäudetrakt aufgeführt; die Gebäude waren vier- (Altbau) bzw. dreistöckig (Neubau).
Dem Kollegbau lag in östlicher Richtung die Kirche mit Sakristei an.
Die Schulräume des Gymnasiums befanden sich ab 1631 in der ehemaligen Propstei; sie lag dem Chorhaupt der Kirche gegenüber auf der anderen Strassenseite (Neubau 1702 auf dem Grundstück nördlich der Kirche).
Die Kolleganlage Straubing war, wie die Beschreibung zeigt, kein regelmässig angelegter Anlagekomplex. Das zur Ausübung der Aufgaben notwendige Raumprogramm des Kolleges liess sich in Straubing nur mit Mühe umsetzen; von den Jesuiten sind Klagen über die beengten Raumverhältnisse überliefert. Vom funktionalen Standpunkt aus konnte für das Kolleg Straubing eine angemessene Lösung gefunden und die Nutzung den wachsenden Erfordernissen (vgl. den steigenden Personalstand/ die wachsenden Studentenzahlen) angepasst werden.
In gestalterisch-ästhetischer Hinsicht blieb die Anlage uneinheitlich.
Zur Zeit Maximilians I. erfolgten keine Planungen von Neubauten für das Kolleg Straubing. 1666/67 und 1680ff. fanden umfangreiche Umbaumassnahmen statt. Die Einrichtung der Residenz bzw. (seit 1650) des Kolleges erfolgte unter Benutzung bestehender Altbauten573.
Die Kollegkirche zu Unserer Lieben Frau574 (Umbau 1680ff.) ist in ihrer Grundstruktur ein Bau des 15. Jahrhunderts.
Der Aussenbau zeigt in der Anlage des Chores gotische Gestaltungselemente. Das Chorhaupt weist nach Osten. Der Chor wird von einem Chorjoch und einer Chorapsis gebildet, die mit 5/8-Schluss abschliesst. Nach Westen begrenzt ein Kirchturm das Langhaus. Ein flankierendes Kirchturmpaar an Süd- und Nordseite markiert den Übergang von Chor zum Langhaus. Das Langhaus trägt ein Satteldach mit Schleppgauben. Das Langhaus mit drei Jochen schliesst im Westen mit dem Abschlussjoch des Musikchores. Längs der Langhausseite wurden beidseitig Kapellenanbauten angefügt. An der nördlichen Chorseite lagert der Anbau mit der grossen und der dahinterliegenden kleinen Sakristei an.575
Die heutige Erscheinung der Kirche wurde im wesentlichen durch die Umbaumassnahmen der Jesuiten ab 1680ff. mit bedeutenden Veränderungen im Innenaufbau der Kirche erzielt.
Das heutige Erscheinungsbild des Kircheninneren stammt aus der Umbauphase von 1680ff. Mit den Umbaumassnahmen wurde die Kirchen dem Erscheinungsbild der in der Oberdeutschen Ordensprovinz verbreiteten Typus einer Wandpfeilerkirche angeglichen. Die tragenden Mittelsäulen wurden entfernt und durch eine Tragekonstruktion ersetzt, welche die Last der neueingezogenen Gewölbetonne über die Wandpfeiler ableitet. Durch die Einziehung des Tonnengewölbes wurde der Raum völlig neu organisiert: die einzelnen Joche, die sich durch die neue Wandpfeilerkonstruktion bildeten, werden durch Gewölbegurte untergliedert; Stichkappen schneiden in die Gewölbekonstruktion ein. Der Chor der Kirche wird durch zwei Gewölbegurte untergliedert. Vom östlich verlaufenden Gurt leiten vier Gurte strahlenförmig zu den Chorinnenpfeilern über. Durch Ausbruch der Innenwände der Flankentürme wurde eine räumliche Erweiterung des Kirchenraumes erzielt576.
Der Kircheninnenraum erhielt durch die gleichmässige Anlage der Wandpfeilerstruktur einschliesslich der gleichen Kämpferhöhen und den von hier aus in die Gewölbetonne ansteigenden Stichkappen ein einheitliches Aussehen. Die Fenster wurden an Stelle der gotischen Spitzbögen mit Rundbögen abgeschlossen; dem Kirchturm der Westseite wie den beiden Chorflankentürmen wurden Zwiebelhauben aufgesetzt. Zudem traten neue Architekturelemente an der Aussenfassade hinzu. Über den 1680 errichteten Vorbau erfolgt der Zugang zur Kirche von der Strassenseite her. Der Bau nimmt eine Kapelle und im Obergeschoss ein Oratorium auf.
Der Kollegtrakt (Altbau, erworben 1646/47; Umbau 1666/67; Bauzustand durch Umbauten im 20. Jahrhundert verändert) wurde durch Umbaumassnahmen für die Zwecke der Jesuiten instandgesetzt577.
Der südliche Trakt des Kolleges besass vier Stockwerke. Zwei Eingänge (davon ein Eingang mit Portalanlage und Durchfahrt zum Innenhof) führten in das Gebäude. Die Südfassade besass elf Fensterachsen. Die Fenster waren umrahmt; sie wurden je Stockwerk durch Gesimsbänder voneinander geschieden. Ein doppelstöckiger Erker befand sich im 2. und 3. Obergeschoss in der fünften Achse von Osten. Die Kollegräume lagen strassen-, die Gänge hofseitig578. Auf der zum Hof weisenden Seite des Südtraktes befand sich ein Turm mit einem Spitzhelm, wohl ein Treppenturm; am westlichen Ende des Südflügels lag der Torturm der Stadtbefestigung.
Der an die Stadtmauer grenzende westliche Trakt des Kollegbaues bildete mit dem Südflügel eine bauliche Einheit. Im Westteil wechselte der Gang an die zur Stadtmauer weisende Aussenseite, die Räume lagen entsprechend hofseitig. Im Erdgeschoss führte in der Mittelachse ein Ausgang zum Hof. Darüber befanden sich Treppenanlagen in die Obergeschosse. Der Süd- und Westbau wurde erst 1666/67 einheitlich mit »Schwibbögen« (wohl Kreuzgratgewölben) ausgestattet.
Ein weiterer Baukörper lag am nördlichen Ende des Westtraktes. Dieser Nordbau sprang aus der Kollegflucht des Westteiles in die Tiefe des Hofes heraus; die grossen Räume beherbergten offensichtlich Gemeinschaftsräume (z.B. das Refektorium). Der Nordbau besass drei Stockwerke und wich damit vom Süd- und Westflügel mit jeweils vier Geschossen ab. Entlang der nördlichen Schmalseite des Lichthofes führte ein Gang zu einem Anbau mit Sanitäranlagen. Möglicherweise besassen die Gebäudeecken Rustizierungen579.
Das Wirtschaftsgebäude mit dem Wirtschaftshof lag hinter den Kolleggebäuden, also im hinteren, nördlichen Teil des Kolleges. Das Kolleggelände mit Kolleghof und Kolleggarten wurde durch eine Mauer umgrenzt.
Die Gymnasiumsräume befanden sich im 17. Jahrhundert in einem Gebäudekomplex, der durch die Jesuitengasse getrennt, dem Kollegareal gegenüberlag. Die Gebäude der sog. ehemaligen Propstei (zu diesen Gebäuden siehe auch das Sandtnermodell von 1568) befanden sich seit etwa 1631, also seit der Gründung der Niederlassung, im Besitz der Jesuiten. Sie dienten den Jesuiten nach ihrer Ansiedelung zunächst als Unterkunft und als »Residenz«.
Nach Erwerb der gegenüberliegenden, grösseren Kolleggebäude (ab etwa 1646) wurden diese Gebäude als Schule des Kollegs umgenutzt bis zum Neubau des Gymnasiums 1702. Von diesen Gebäuden existieren Umbaupläne aus der Zeit zwischen 1631 bis 1650580; sie sind mit Legenden mit der Angabe des Raumprogrammes versehen und geben Auskunft über ihre geplante zukünftige Nutzung für die Jesuiten. An der Stelle dieser Altbauten wurde 1725 das neue Seminargebäude errichtet581.
Das Aussehen des Kolleges Straubing und seiner baulichen Anlage zu Ende des 17. Jahrhunderts ist durch Abbildungen und Gemälde überliefert623.
Die an der Theresienstrasse anliegenden Gebäude (Kirche und Kolleg) bilden mit den nach Westen, also an der Stadtmauergrenze liegenden Kollegtrakten, einen über Eck stehenden Gebäudekomplex unter Bildung eines Innenhofes. Das rechteckige Kollegareal wird zur östlich anliegenden Strasse und nach Norden durch Mauern von der Umgebung abgegrenzt. Der öffentliche Teil mit den Schulgebäuden lag, durch die Jesuitengasse vom Jesuitenkolleg getrennt, auf der anderen Strassenseite, dem Chor der Kirche gegenüber. Der späte Gründungstermin des Kolleges Straubing, das Übergreifen der Kriegshandlungen auf Süddeutschland und der späte Erwerb der Kolleggebäude (1646/47) behinderten vermutlich die Entstehung einer Idealplanung des Kolleges noch während der Gründungszeit unter Maximilian.
Es ist festzuhalten, dass aus der Zeit Maximilians keine Pläne über die Gesamtanlage des Kolleges Straubing erhalten sind. Die einzigen aus der Zeit Maximilians vorhandenen Pläne624 beziehen sich auf den Umbau der um 1631 den Jesuiten übereigneten, im Südteil der Jesuitengasse gelegenen Gebäude zum Zweck der Einrichtung der Jesuitenresidenz und einer Schule.
Der erhaltene Plansatz besteht aus vier Grundrissen. Die Pläne veranschaulichen den Baubestand des Erdgeschosses, die Planung zum Umbau des Erdgeschosses, den Bestand des ersten Obergeschosses mit Planung und eine Alternative zum geplanten Umbau des ersten Obergeschosses. Die Räume sind teilweise mit deutschen Namen bezeichnet oder mit Grossbuchstaben literiert.
Die Anlage des Kolleges Straubing wurde nicht einheitlich konzipiert. Sie entstand vielmehr sukzessiv als Folge vieler Einzelerwerbungen und Umbauten. Die Gewährleistung des funktionellen Betriebes stand in den ersten Jahrzehnten des Geschichte der Niederlassung im Vordergrund. Die Kollegkirche und die Altbauten, der zur Theresienstrasse anliegende Südtrakt und der an die Stadtmauer angelehnte Westtrakt, standen rechtwinklig zueinander und bildeten somit den Ausgangspunkt für eine regelmässige Aufgliederung des Kollegareals. Die vorhandenen Altbaugebäude liessen sich dann später in ein Konzept einbinden, das eine räumliche und bauliche Ordnung der Kolleganlage ermöglichte.
Erst 1684 konnte Johannes Hörmann die Idee einer regelmässig angelegten Kolleganlage entwickeln625, eine grundlegende Neuordnung der Kolleganlage nach der Idee Hörmanns unterblieb jedoch in der Folgezeit.
Kolleg Straubing, Idealplanung und Grundriss, Bestand, J. Hörmann, 1684
Im nördlichen Rückraum des Geländes erfolgten später die den Platz nach hinten abrundenden Neubauten des Neubaues des Gymnasiums und des Seminars.
Straubing, Grundriss des Kollegs und Ansicht der Kirche,
des Gymnasiums und des Seminars, 2. Hälfte 17. Jh.
Die Bauten wurden 1702 bzw. 1725 zu den bestehenden Kollegbauten angefügt. Eine repräsentative Aufwertung der vorhandenen Bauten wurde durch nachträglich angefügte bauplastische Gliederungselemente und durch die Neubauten des 18. Jahrhunderts erzielt.