Geschichte der Residenz Kaufbeuren

1. Gründungsgeschichte der Residenz Kaufbeuren
2. Die Vorgänge im Einzelnen

1. Gründungsgeschichte der Residenz Kaufbeuren

Die Darstellung der Ansiedelung der Jesuitenniederlassung in der Reichsstadt Kaufbeuren364 gilt - wie bereits bei den Jesuitenmissionen in Cham und Neumarkt - in erster Linie den politischen Umständen ihrer Ansiedlung.

Das Vorgehen Kurfürst Maximilians in der Reichsstadt Kaufbeuren steht im Zusammenhang mit den gegenreformatorischen Massnahmen, wie sie bereits wenige Jahre zuvor in Amberg und anderen Städten durchgeführt worden waren365. Maximilian I. kam bei der Rekatholisierung der Stadt und der politischen Durchsetzung der Jesuitenniederlassung in Kaufbeuren als kaiserlichem Kommissar eine tragende Rolle zu. Die Verantwortung um Fundierung, Organisation und Ausbau der neuen Niederlassung lag hingegen weitgehend beim Fürstbischof von Augsburg Heinrich von Knörringen (1598 bis 1646).

Ein Hauptgegenstand der politischen Auseinandersetzung der beiden Religionsparteien war die Besetzung des Sitze des Stadtrates in Kaufbeuren366. Die Aneignung der Kultusstiftungen sowie des Predigtamtes durch die Protestanten gaben den Katholiken weiteren Anlass zur Klage bei Kaiser Ferdinand II. mit der Forderung nach Restitution dieser Einrichtungen. In den Jahren 1602, 1604, dann 1612 kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Konfessionsparteien in Kaufbeuren.

Bereits 1588 hatten bayerische Subdelegierte die Notwendigkeit der Restitution der Stadt hervorgehoben. Im Zusammenhang mit der militärisch günstigen Lage im Jahr 1626 sahen der Kaiser, bzw. in Delegation der bayerische Kurfürst Maximilian, und der Fürstbischof von Augsburg Heinrich von Knörringen die Möglichkeit zum Eingreifen in die politischen Verhältnisse der Stadt für gegeben367. Ein besonderes Interesse an einer Rekatholisierung Kaufbeurens bestand wohl aufgrund der geographischen Lage der Stadt inmitten des Diözesangebietes und wegen ihrer Nähe zum bayerischen Territorium. Durch das Zusammenwirken von Kaiser, Fürstbischof und Kurfürst Maximilian wurde ab 1626 der konfessionspolitische Status der Stadt vorübergehend zugunsten der katholischen Konfession verändert.

Der Einführung der Jesuiten ging eine Zusammenkunft des vom Kaiser am 1. Dezember 1626 ernannten Kommissoriums in Kaufbeuren am 14. März 1627 voraus368. Den Katholiken sollte die Mehrheit im Stadtrat verschafft und ihnen die meisten Ämter und Pflegschaften eingeräumt werden. Überdies ordneten die Subdelegierten die Restitution aller aus der katholischen Zeit herrührenden Kultusstiftungen und Kirchen an369.

Vom 26. April bis 2. Mai 1628 führten die Subdelegierten (auf bayerischer Seite Sebastian Sauerzapf, Hofkammerrat und Pfleger zu Mindelheim und bischöflicherseits Dr. Sixtus Vischer, Pfarrer in Dillingen und Dr. J. Roth) ihren Auftrag unter militärischem Schutz durch bayerisches Militär aus: die protestantische Kirche wurde geschlossen, das Stiftungsvermögen dem Rat übergeben. Die protestantische Geistlichkeit musste die Stadt verlassen. Die protestantischen Bürger sollten entweder zur katholischen Religion konvertieren oder vom »ius emigrandi« Gebrauch machen370. Sämtliche Stellen im Rat und in den Ämtern wurden mit Katholiken besetzt. Der Kaiser bestätigte die Veränderung im Stadtrat. In den Kommissionsverhandlungen von 1628 wurde den Kaufbeurer Protestanten »zur Vertröstung« mitgeteilt, dass »es bei hiesiger Stadt nicht allein verbleiben, sondern auch noch andere als Ulm, Memmingen und Überlingen« von den Massnahmen betroffen seien371. Zur abschliessenden Durchführung der Beschlussfassung hielten sich die Subdelegierten am 3. April 1629 erneut in Kaufbeuren auf.

Bereits seit 1618 waren wiederholt Jesuiten aus dem benachbarten Mindelheim zur Mission nach Kaufbeuren gekommen. Die dauerhafte Einführung der Jesuiten in Kaufbeuren erfolgte jedoch im Zusammenhang mit dem Kommissorium von 1627. Am 27. Juni 1627 forderte Kurfürst Maximilian den Rat von Kaufbeuren auf, »er solle den Patres, die im Auftrag des Bischofs eine Mission zur Fortpflanzung der katholischen Religion und zur Unterweisung der christlichen Jugend vornehmen werden, Schutz und Förderung zuteil werden lassen«372.

Schreiben der kurfürstlichen Regierung an den Rat der Stadt Kaufbeuren, 27. Juni 1627
Schreiben der kurfürstlichen Regierung an den Rat der Stadt Kaufbeuren,
27. Juni 1627

Die Ansiedelung der Jesuiten in Kaufbeuren wurde durch den Augsburger Fürstbischof Heinrich von Knörringen betrieben. Dazu wurde die Jesuitenresidenz Füssen (Niederlassung 1612 bis 1627) nach Kaufbeuren verlegt. Die Jesuiten zogen im November 1627 (wohl am 19. November 1627) in der Stadt ein. Es wurde ein mehrklassiger Unterricht eingerichtet, die Schülerzahlen blieben jedoch relativ gering; zudem übernahmen die Jesuiten die Seelsorge und die Prädikatur.

Die Vorgänge in Kaufbeuren weisen darauf hin, dass Fürstbischof Heinrich zunächst die Gründung eines Kollegiums beabsichtigte: Der katholische Stadtrat machte am 27. Mai 1627 »auf starkes Zureden der commissariorum« weitreichende Zugeständnisse für die geplante Niederlassung. Dabei wurde der Erwerb von acht bei der Frauenkirche gelegenen Häusern zum Schul- und Kollegiumsbau - grösstenteils aus städtischen Mitteln - zugesichert. Als Kollegkirche war die Frauenkirche vorgesehen. Das Einkommen der Prädikaturpflege einschliesslich der Fundation der Frauenkirche sollte den Jesuiten zugewiesen werden. Dieser Vertrag kam jedoch nicht zur Ausführung373.

Im Jahr 1630 wollte der Rat den Jesuiten gegen eine Entschädigung den Pfarrhof der Stadtpfarrkirche St. Martin und zwei anstossende Häuser überlassen. Die Prädikatur von St. Martin war den Jesuiten schon 1627 übergeben worden.

Schliesslich wurde den Jesuiten ein grosses Gelände auf der nördlichen Seite der Kirche zur Verfügung gestellt. Die Jesuiten erwarben das Haus mit Garten in der Pfarrgasse am 16. April 1630 von Junker Abraham Sailer von Pfersheim (= Pfersee) zu Erkheim und adaptierten es als Standort ihrer Residenz. Zur Einrichtung der Residenz in Kaufbeuren erfolgte zunächst ein weitgehender Umbau des Hauses unter Verwendung von Bausteinen, die aus dem Abbruch der Schlosses Linden gewonnen worden waren. Durch die Besetzung der Stadt durch die Schweden am 8. Juni 1632 kam der weitere Ausbau jedoch zum Erliegen. Die Jesuitenresidenz wurde später erweitert und 1702 ff. baulich umgestaltet.

Die finanzielle Ausstattung der Residenz Kaufbeuren war von Anfang an relativ gering bemessen. Für die Einrichtung der neuen Niederlassung Kaufbeuren wandte der Bischof von Augsburg 3000 Gulden auf (31. August 1628). Er ergänzte diese Dotation 1633 durch Anweisung eines jährlichen Zuschusses von 800 Gulden (24. Dezember 1633)374. Das Fundationskapital wurde 1648 vom evangelisch dominierten Rat der Stadt eingezogen. Dadurch wurde später eine Neudotation der Jesuitenniederlassung notwendig, die sich jedoch über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstreckte.

Bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden war der konfessionspolitische Status der Stadt und auch die Stellung der Jesuitenniederlassung in Kaufbeuren umstritten. Am 19. April 1649 erfolgte zunächst die Ausweisung der Jesuiten durch die protestantische Ratsmehrheit. Das kaiserliche Reskript Kaiser Ferdinands III. vom 17. Juli 1651 befahl jedoch die Rückführung der ausgewiesenen Jesuiten in ihr Haus und beauftragte am 28. November 1651 die bayerische Kurfürstin Maria Anna und den Herzog Albrecht von Bayern (Maximilian I. war am 27. September 1651 gestorben) mit der Durchführung dieses Auftrages. Die Rückgabe der Residenz an die Jesuiten am 17. Februar 1652 erfolgte in Anwesenheit der bayerischen Subdelegierten. Um die rechtliche Stellung der Jesuitenresidenz kam es im Verlauf der folgenden Jahrzehnte immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Konfessionsparteien375. Die Jesuitenresidenz in Kaufbeuren blieb jedoch bis zur Auflösung des Jesuitenordens im Jahr 1773 bestehen.