3 Hypothesen und Methodik

3.1 Forschungsleitende Hypothesen

3.2 Rekrutierung der Stichprobe

3.3 Beschreibung des Fragebogens

3.4 Methoden zur Hypothesentestung


3.1 Forschungsleitende Hypothesen

Die Untersuchung von Einflußgrößen der Kondomverwendung oder damit korrelierter Variablen gliedert sich in drei Teile.

Erstens wurden soziodemographische Daten deskriptiv ausgewertet und mit anderen Studien verglichen.

Zweitens wurden Hypothesen überprüft, die sich auf verschiedene mit Einzelitems erfaßte Variablen beziehen:

Drittens wurde die Bedeutung der verschiedenen kognitiven Konstrukte, deren Operationalisierung in Kapitel 2 beschrieben ist, für die Stufen der Intentionsbildung und Handlungsinitialisierung untersucht. Wenn möglich, wurden anhand der im theoretischen Teil beschriebenen Literatur a priori gerichtete Hypothesen bezüglich der Stufendifferenzen eines Konstruktes aufgestellt, die über die Vermutung, daß überhaupt ein Effekt deutlich wird, hinausgehen. Zudem wurde explorativ nach korrelativen Zusammenhängen zwischen den kognitiven Konstrukten gesucht. Die Hypothesen lauteten:
   

3.2 Rekrutierung der Stichprobe

Vornehmlich in kleinen oder mittelgroßen Städten sollte eine Stichprobe homo- und bisexueller Männer rekrutiert werden (s. Kap. 1.4). "Homosexuell" und "bisexuell" sind hierbei Verhaltensbeschreibungen, nicht Identitäten. Es wurde angestrebt, auch Männer anzusprechen, die zwar ein heterosexuelles Selbstkonzept bzw. eine heterosexuelle Identität (vgl. Troiden 1984) haben, aber dennoch sexuelle Kontakte mit Männern pflegen. Deshalb wurde der Fragebogen zwar im Rahmen sozialer Strukturen verteilt, die von homosexuellen Männern dominiert werden, das Anschreiben auf der ersten Seite richtet sich jedoch allgemein an Männer. Jedem Fragebogen lag ein adressierter und frankierter Umschlag bei, um bei der Rücksendung die Compliance zu erhöhen. Diese wurde durch den Umfang des Fragebogens von 16 Seiten bereits stark beansprucht.

Grundsätzlich wurden drei Wege zur Verteilung der Fragebögen beschritten. Die bevorzugte Methode bestand darin, mehreren Einzelpersonen jeweils eine größere Anzahl Fragebögen zu überlassen, mit der Bitte, diese im Schneeballsystem zu verteilen. Damit sollten besonders auch homo- und bisexuelle Männer erreicht werden, die fern von subkulturellen Zusammenhängen - und auch der dort herrschenden Normen - leben und anders als über persönliche Kontakte nicht erreichbar sind.

Diese Vorgehensweise orientierte sich an den Arbeiten von Dannecker (1990), Kolbe (1988) und Hutter & Koch (1995). Speziell in letztgenannter Arbeit wurde die Stichprobe entsprechend bestimmter Vorgaben (theoretisches Sampling) rekrutiert. So erhielten hier einige Verteiler den Auftrag, Fragebögen gezielt an Männer, die keine Kondome mit gelegentlichen Partnern verwenden, weiterzugeben, da bereits vermutet wurde, daß diese Gruppe klein ausfallen würde. Leider ließen sich nicht genügend bereitwillige Verteilerpersonen finden, um einen größeren Anteil Fragebögen nach diesem System zu verteilen. Insgesamt konnten ca. 120 Fragebögen persönlich oder mit Hilfe Dritter (Schneeballsystem) in Umlauf gebracht werden.

Zweitens wurden Fragebögen an schwule Vereine und Initiativen in der Region Marburg/Gießen verschickt. Dazu wurden den Gruppen frankierte Umschläge überlassen, die jeweils ein Anschreiben und zwei Fragebögen, inklusive frankierter Rückumschläge, enthielten. Diese wurden dann von den Vereinen selbständig an ihre Mitglieder verschickt. Das Anschreiben enthielt die Bitte, den zweiten Fragebogen an einen Freund oder Bekannten weiterzugeben (ca. 210 Fragebögen). Andere Initiativen erhielten pauschal ein Paket Fragebögen und wurden gebeten, diese an ihre Mitglieder zu verteilen oder auszulegen (ca. 80). Einen Sonderfall stellt die Verteilung von 80 Fragebögen dar, die über eine Kontaktperson an die Mitglieder eines schwulen Freizeitvereins in einer Großstadt ausgegeben wurden. Dieser Modus ist zwar weniger persönlich, als das oben beschriebene Schneeballsystem, andererseits weniger anonym als eine Briefsendung und damit eventuell der Compliance förderlich.

Drittens wurden Fragebögen bei Tanzveranstaltungen ausgelegt (ca. 110). Insgesamt konnten mit verschiedenen Methoden 600 Fragebögen verteilt werden.

  


3.3 Beschreibung des Fragebogens

3.3.1 Soziodemographische und biographische Daten
3.3.2 Sexuelles Verhalten und Kondomgebrauch


 
3.3.1 Soziodemographische und biographische Daten
An soziodemographischen Daten wurden Geschlecht, Alter, höchster Ausbildungsabschluß, berufliche Stellung, Familienstand, Wohnortgröße und Wohnform1 erhoben. Die Formulierung und Skalierung dieser Fragen orientierte sich, falls möglich, an der Arbeit von Bochow (1994), um die Untersuchung vergleichbar zu machen. Eine gekürzte und auf Vaginalverkehr ausgeweitete Version des Fragebogens ist im Internet abrufbar (Susenbeth 1999). Der in der Untersuchung verwendete Fragebogen findet sich auszugsweise im Anhang, soweit die erhobenen Daten hier besprochen werden.

Speziell für eine Stichprobe vornehmlich homosexueller Männer sollten einige biographische Daten, die partiell auch Rückschlüsse auf das Stigmamanagement des Individuums zulassen, betrachtet werden. Im Besonderen wurde das retrospektive Erleben und die Bewertung des eigenen Coming Outs erhoben, wofür eine Skala aus der Arbeit von Kolbe (1988) übernommen wurde. Wie in den Befragungen Bochows (1994) wurde versucht, das Maß der soziokulturellen Integration in schwule Netzwerke zu erfassen. Es wurde nach dem Anteil homosexueller/schwuler Männer am Freundeskreis gefragt sowie nach der Häufigkeit von Besuchen in "Treffpunkten und Einrichtungen mit überwiegend homosexuellem Publikum", wie Cafés, Lederlokalen, Saunen, Freizeitinitiativen u.a.2.

3.3.2 Sexuelles Verhalten und Kondomgebrauch

Allgemein wurde nach der Anzahl der Sexualpartner/-partnerinnen in den vergangenen zwölf Monaten gefragt und ob es sich bei diesen um Männer, Frauen oder beide gehandelt hatte. Dabei interessierte auch die Selbstbeschreibung der sexuellen Orientierung. Weiter wurde nach bisherigen Behandlungen wegen Geschlechtskrankheiten und Erkrankungen an Hepatitiden bzw. entsprechenden Schutzimpfungen gegen HBV und HAV gefragt, ferner, ob bereits ein HIV-Antikörper-Test gemacht wurde und falls ja, mit welchem Ergebnis. Es wurde Wert darauf gelegt, den Fragenkatalog gleichermaßen für Männer und Frauen sowie unabhängig von der sexuellen Orientierung zu formulieren. Für die korrekte Bezeichnung HI-Virus wurde der umgangssprachliche Terminus AIDS-Virus verwendet, entsprechend wurden die Teilnehmer auch nicht nach einem HIV-Antikörper-Test, sondern einem "AIDS-Test" gefragt, um der allgemeinen Verständlichkeit den Vorzug zu geben.

In den folgenden zwei Abschnitten des Fragebogens ging es um Bedingungen und Umstände sexueller Kontakte mit gelegentlichen Partnern und Partnerinnen (Abschnitt 1.00, siehe Anhang), zu denen keine feste Beziehung bestand, sowie (falls vorhanden) um den festen Partner oder die feste Partnerin (2.00). Dabei wurde erhoben, an welchen Orten3 Teilnehmer mit gelegentlichen Partnern und Partnerinnen Sex hatten, mit welchen Gefühlen - romantisch versus hedonistisch - diese Kontakte zustande kamen, ob dabei der Themenkomplex HIV/Safer Sex kommuniziert wurde und ob es zu Analverkehr kam. Falls innerhalb der letzten zwölf Monate eine feste Partnerschaft bestanden hatte, wurde gefragt, wie lange die Beziehung (zum Zeitpunkt der Befragung) bestand oder bestanden hatte und ob noch andere sexuelle Kontakte zu Männern und/oder Frauen parallel existiert hatten. Dabei interessierte auch, inwiefern die Teilnehmer mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin über extramatrimoniale Kontakte gesprochen hatten. Weiter wurde gefragt, ob beide Partner bereits einen HIV-Ak-Test hatten durchführen lassen und ob ggf. das Ergebnis gleich oder unterschiedlich gewesen war. Dann folgte die Frage, ob mit dem Partner bzw. der Partnerin Analverkehr praktiziert worden war.

Schließlich wurde mittels einer fünfstufigen Likert-Skala nach der Häufigkeit der Kondomverwendung gefragt bzw. nach diesbezüglich bestehenden Intentionen und zwar getrennt für gelegentliche Partner/-innen einerseits und für den festen Partner oder die feste Partnerin andererseits. Es wurden zwei Algorithmen verwendet, nach denen die Teilnehmer entsprechend den Stufen des TMC klassifiziert werden können. Im wesentlichen handelt es sich um Übersetzungen aus US-amerikanischen Arbeiten (z. B. Grimley, Riley et al. 1993). Die Algorithmen des Abschnitts für gelegentliche Partner/-innen sind beispielhaft in Abbildung 3.1 dargestellt. Das Verfahren zur Stufenbildung ist im Abschnitt 3.4.1 beschrieben.

Die Operationalisierung jener kognitiv-behavioralen Konstrukte, für die eine Korrelation mit dem Verhaltenskriterium Kondomverwendung angenommen wird, ist ausführlich in Kapitel 2 beschrieben. Es wurde ferner die wahrgenommene Vulnerabilität bzw. der optimistische Bias mit vier Items erhoben (6.00).

  


3.4 Methoden zur Hypothesentestung

3.4.1 Beschreibung des Verhaltensmaßes Kondomgebrauch
3.4.2 Kondomgebrauch, sexuelles Verhalten und soziodemographische Variablen
3.4.3 Kondomgebrauch und kognitive Konstrukte
3.4.4 Korrelationen der Skalen untereinander
3.4.5 Prädiktionskraft der Skalen


 

3.4.1 Beschreibung des Verhaltensmaßes Kondomgebrauch

Das Vorkommen anal-genitaler Praktiken sollte nur für gleichgeschlechtliche Paare betrachtet werden. Die Teilnehmer, die mit ihrem festen Partner oder gelegentlichen Partnern Analverkehr hatten, wurden für jeden Partnertyp entsprechend den fünf Antwortmöglichkeiten des Algorithmus 1 (Abbildung 3.1) einer der fünf Stufen zugeordnet. Für die Preparation-Stufe wurde zusätzlich gefordert, daß schon einmal der Versuch der Verhaltensänderung unternommen worden war, d. h. Algorithmus 2 sollte einen Wert größer als 3 (gelegentliche Kondomverwendung) aufweisen, sonst fand eine Zuordnung zur Contemplation-Stufe statt (vgl. Harlow et al. im Druck; Grimley, Prochaska et al. 1995). Da sich bei ersten Berechnungen zeigte, daß nur ein Individuum der Preparation-Stufe zuzuordnen wäre, wurde diese mit der Contemplation-Stufe zusammengefaßt (Redding 1993). Daraus ergab sich für die Stufenzuordnung der Teilnehmer das in Abbildung 3.1 dargestellte Klassifizierungsschema.

Ein Problem des Erhebungsinstruments stellte der Umstand dar, daß die untersuchten Konstrukte nicht getrennt für feste und gelegentliche Partner erfragt wurden (ausgenommen Selbstwirksamkeitserwartung), so daß unklar bleibt, auf welchen Partnertyp z. B. wahrgenommene Vorteile primär bezogen wurden oder ob die Angaben ein quasi arithmetisches Mittel der unterschiedlichen Einstellungen zur Sexualität mit gelegentlichen versus festen Partnern darstellen. Wahrscheinlich ist es so, daß Antworten auf undifferenzierte Fragen eher auf den festen Partner bezogen werden (vgl. Harlow et al. im Druck). Für die Überprüfung der theoretischen Validität des Modells im Rahmen dieser Arbeit war es also notwendig, eine Teilstichprobe zu bilden, bei der einstellungsbezogene Ambivalenzen, die aufgrund unterschiedlichen Verhaltens bei verschiedenen Partnertypen auftraten oder dazu führten, ausgeschlossen werden konnten.

 
1.7 Haben Sie mit diesen Partnern/-innen beim Analverkehr ("Arschficken") immer ein Kondom verwendet?
Precontemplation Nein, und ich habe nicht vor, in den nächsten 6 Monaten damit zu beginnen.
Contemplation  Nein, aber ich habe vor, in den nächsten 6 Monaten damit zu beginnen.
Contemplation  Nein, aber ich habe vor, in den nächsten 30 Tagen damit zu beginnen.
Action  Ja, aber erst seit weniger als 6 Monaten.
Maintenance  Ja, seit mehr als 6 Monaten habe ich immer ein Kondom beim Analverkehr verwendet.
1.8 Falls nicht immer: Wie häufig haben Sie beim Analverkehr ein Kondom verwendet?
1 nie 2 fast nie 3 gelegentlich 4 fast immer 5 habe immer Kondome verwendet. 
Abbildung - 3.1 Algorithmus 1(1.7) und 2 (1.8) für gelegentliche Partner/-innen.
Insgesamt ließen sich jene Teilnehmer, die Analverkehr praktiziert hatten, in drei Teilmengen aufteilen: Teilnehmer, die nur mit gelegentlichen Partnern Analverkehr praktiziert hatten (G), Teilnehmer, die nur mit ihrem festen Partner Analverkehr gehabt hatten (F), was gelegentliche Kontakte mit anderen sexuellen Praktiken nicht ausschließt und Teilnehmer, die in den zwölf Monaten vor der Befragung sowohl Analverkehr mit einem festen als auch gelegentlichen Partnern praktiziert hatten (GF). Diese unterteilten sich in solche, die hinsichtlich der Kondomverwendung für beide Partnertypen der (a) gleichen Stufe zugeordnet wurden und solche, die je nach Partnertypus (b) unterschiedlich konsistent Kondome verwendet hatten bzw. unterschiedliche Intentionen diesbezüglich aufwiesen.

Die nun neu gebildete Teilstichprobe MIX wurde aus den drei Teilmengen zusammengesetzt, allerdings wurden jene Teilnehmer aus GF ausgeschlossen, die je nach Partnertyp einer unterschiedlichen TMC-Stufe zuzuordnen waren. Beispiel: Teilnehmer, die mit gelegentlichen Partnern Kondome schon lange verwendet hatten (Maintenance), dies mit ihrem festen Partner aber lediglich planten (Contemplation), wurden von MIX ausgeschlossen.

Ferner wurden alle Teilnehmer, die anal-genitale Kontakte mit gelegentlichen Partnern gehabt hatten, entsprechend der beiden Teilmengen G und GF unter der Bezeichnung GGF zusammengefaßt. Analog wurden alle Teilnehmer, die mit einem festen Partner Analverkehr praktiziert hatten unter der Bezeichnung FGF zusammengefaßt.

 

3.4.2 Kondomgebrauch, sexuelles Verhalten und soziodemographische Variablen

Neben den psychologischen Konstrukten, für die eigene Skalen entwickelt wurden (siehe 3.4.3), gab es andere Variablen, deren Korrelation mit dem Verhaltensmaß Kondomgebrauch untersucht werden sollte. Dafür wurden, um die Zellenbesetzung zu erhöhen, die vier Stufen des TMC zu zweien zusammengefaßt: Die Befragten wurden entweder der Gruppe konsequenter Kondomgebraucher zugeordnet, die sich aus den Individuen der Action- und Maintenance-Stufe zusammensetzten (AM) oder der Gruppe derer, die Kondome gar nicht, gelegentlich oder fast immer verwendet hatten, also sich auf der Precontemplation- oder Contemplation-Stufe befanden (PC). Eine detaillierte Untersuchung aller vier Stufen des TMC ist bei geringen Zellenbesetzungen nur für reliable Skalen sinnvoll und machte auch inhaltlich nicht bei allen der im folgenden besprochenen Variablen Sinn. Für den Zusammenhang von Kondomgebrauch und der Häufigkeit von Geschlechtskrankheiten beispielsweise ist die Intention unerheblich. Eine Ausnahme bestand aufgrund der empirisch begründeten Hypothesen für die Vulnerabilität,.

Statistische Tests wurden aus o. g. Gründen überwiegend für die Gruppe MIX durchgeführt. Für einige Variablen wurden jedoch auch (GGF) alle Teilnehmer, die gelegentliche Partner gehabt hatten und (FGF) alle Teilnehmer die einen festen Partner gehabt hatten, betrachtet (s. u.). Je nach Skalenniveau der Variablen wurden verschiedene Tests verwendet. Für Variablen mit Intervallskalierung wurde der T-Test (vgl. Brosi-
us & Brosius 1995: 401ff.) zur Überprüfung der Nullhypothese (H0) verwendet, die hier besagte, daß verschiedengradige Ausprägungen einer Variablen bei Kondomgebrauchern bzw. Nichtgebrauchern zufällig sind. Dabei wurde vorher auf Grundlage des Kolmogorov-Smirnov-(Goodness of Fit)-Testes (Brosius & Brosius 1995: 517) überprüft, ob die zu untersuchende Variable innerhalb der verglichenen Gruppen Normalverteilung aufwies. Das Signifikanzniveau wurde mit a =25% angesetzt, um den b -Fehler für die Annahme der Nullhypothese, die eine Normalverteilung annimmt, zu minimieren, d. h., das Risiko, irrtümlich eine Normalverteilung anzunehmen, sollte gering gehalten werden (vgl. Bortz 1989: 198). Erwies sich der Unterschied zur Normalverteilungskurve als signifikant, wurde alternativ der Mann-Whitney-U-Test verwendet.

Für Variablen, denen mutmaßlich Ordinalskalenniveau zugrunde lag, wurde ein Zusammenhang mit der Kondomverwendung mit Hilfe des Mann-Whitney-U-Tests (vgl. Brosius & Brosius 1995: 520ff.) überprüft, ebenso, wenn bei Intervallskalierung keine Normalverteilung vorlag. Für Variablen mit Nominalskalenniveau wurden Kreuztabellen verwendet und die Nullhypothese mit dem Pearsonschen Chi2-Test überprüft. Bei erwarteten Zellenbesetzungen unter n=5 in 2x2-Tabellen wurde die Signifikanz nach Fishers exaktem Test berechnet (vgl. Brosius & Brosius 1995: 354ff.). Es wurden folgende Recodierungen der Skalierung vorgenommen:

Der Antwortmodus der Frage zur Zusammensetzung des Freundeskreises wurde von 1 (keine engeren Freunde) bis 4 (überwiegend homosexuelle/schwule Männer) recodiert (Frage 0.22). Bei der Partneranzahl wurde das Spektrum möglicher Angaben im Fragebogen auf vier Gruppen reduziert; diese entsprechen Teilnehmern mit (1) 2-5 Partner/n/innen (N=47), (2) 6-10 Partner/n/innen (N=31) und (3) 11-20 Partner/n/innen (N=17) und (4) 21-50 Partner/n/innen (N=19). Damit wurden Teilnehmer ausgeschlossen, die nur in einer einzigen festen Beziehung gelebt hatten. Das Impfverhalten in Bezug auf Hepatits wurde dichotomisiert in (1) keine Impfung und (2) Impfung gegen HAV, HBV oder beides.

Bei den für die Teilmengen GGF, FGF und MIX zu verschiedenen Variablen durchgeführten Signifikanztests wurde ggf. das Alpha-Fehler-Niveau für multiple inhaltlich zusammenhängende Tests adjustiert, entsprechend dem üblichen Vorgehen, dieses durch die Anzahl der durchgeführten Tests zu teilen. Die exakte Berechnung findet sich bei Bortz (1989: 322). Das inhaltsorientierte Vorgehen bei der Alpha-Adjustierung stellt einen Kompromiß dar. Im Rahmen dieser Arbeit wurden zu viele Tests durchgeführt, um das Alpha-Niveau global zu adjustieren. Dies hätte ein enormes Ansteigen des Beta-Fehlers, der Wahrscheinlichkeit, die richtige Alternativhypothese fälschlich zu verwerfen, zur Folge gehabt. Die Alpha-Fehler-Adjustierung wurde deshalb nur für Hypothesentestungen vorgenommen, nicht für explorative Analysen, die der Hypothesengenerierung dienen. Dies ist dann der Fall, wenn nach Zusammenhängen zwischen zwei Variablen gesucht wird, jedoch zuwenig Befunde vorliegen, um aufgrund theoretischer Vorüberlegungen oder vorhandener empirischer Befunde die Wahl gerade einer bestimmten Hypothese begründen zu können. Um bei multiplen Signifikanztests das Risiko zufälliger Befunde zu minimieren, ist nicht nur die Alpha-Niveau-Adjustierung sinnvoll, sondern auch eine theoriegeleitete Aufstellung der Hypothesen. Ein willkürliches Aufstellen von Hypothesen, um die Vorteile des konfirmatorischen Vorgehens (Hypothesenbestätigung oder -verwerfung) auszunutzen, ist nicht korrekt. Der Wert der Teststatistik (z. B. chi2) und die ihm zugeordnete Wahrscheinlichkeit (p) dienen im Rahmen eines explorativen Vorgehens lediglich als Informationsgrundlage zur Formulierung von Hypothesen, die in künftigen Untersuchungen überprüft werden müssen (vgl. Farin 1995: 169).

Ferner ist zwischen ein- und zweiseitigen Hypothesen zu unterscheiden. Einseitige Hypothesen geben die Richtung des vermuteten Zusammenhangs vor (z. B.: Je größer der Wohnort, desto häufiger der Besuch subkultureller Einrichtungen), zweiseitige Hypothesen sind ungerichtet (z.B.: Vulnerabilität und Kondomverwendung korrelieren miteinander). Entsprechend wurde die etwa beim Mann-Whitney-U-Test zweiseitig ausgegebene Wahrscheinlichkeit (two-tailed p) für ein irrtümliches Zurückweisen der Nullhypothese (kein Zusammenhang) halbiert, wenn eine gerichtete Hypothese überprüft wurde (vgl. Bortz 1989: 153f.).

Gruppe GGF. Verglichen wurden entsprechend der unter 3.1 formulierten Hypothesen die konsequenten Kondomverwender (GGFam) mit jenen, die nicht konsequent Kondome verwendeten (GGFpc), hinsichtlich folgender Variablen:

Gruppe FGF. Verglichen wurden die Untergruppen FGFam und FGFpc hinsichtlich folgender Variable: Gruppe MIX. Verglichen wurden entsprechend der unter 3.1 beschriebenen Hypothesen die Untergruppen MIXam und MIXpc hinsichtlich folgender Variablen:  

3.4.3 Kondomgebrauch und kognitive Konstrukte

Eine Varianzanalyse für die einzelnen Faktoren (Skalen) der kognitiven Konstrukte sollte zeigen, ob signifikante Unterschiede zwischen den Individuen verschiedener TMC-Stufen (Gruppe MIX) bestanden. Dem wurde die oben beschriebene Einteilung in (1) Precontemplation, (2) Contemplation, (3) Action und (4) Maintenance zugrunde gelegt. Angestrebt wurden One-Way ANOVAs einschließlich multipler a posteriori Vergleichstests nach Scheffé. Dafür gelten jedoch zwei Voraussetzungen (Brosius & Brosius 1995: 418): Normalverteilung der abhängigen Variable innerhalb der Grundgesamtheiten und homogene Varianzen zwischen den Grundgesamtheiten, die den zu vergleichenden Gruppen (hier: Individuen einer Stufe) zugrunde liegen. Normalverteilung wurde mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test überprüft (s. o.). Die Varianzen wurden mit Hilfe des Levene-Tests verglichen. Analog wurde bei einem signifikanten Ergebnis Varianzinhomogenität angenommen. Da diese Voraussetzungen bei mehreren Skalen verletzt wurden, wurde auf die ANOVA verzichtet und grundsätzlich als alternatives Verfahren der non-parametrische Kruskall-Wallis-H-Test eingesetzt. Deutete dieser ein signifikantes Ergebnis an, wurden, wenn a priori keine Hypothesen über bedeutende Stufenunterschiede bestanden, a posteriori für die größten interessierenden Differenzen zwischen zwei Gruppen Mann-Whitney-U-Vergleichstests durchgeführt, und das Alpha-Niveau adjustiert mit alpha´= alpha / n.

Zuerst wurden die Mittelwerte der Subskalen berechnet. Dabei wurde maximal ein fehlender Wert toleriert, wenn die Skala mehr als fünf Items umfaßte. Anschließend wurden die so gebildeten Rohwerte in T-Werte (M = 50, SD = 10) umgerechnet. In dieses Verfahren gingen alle Teilnehmer ein, die entweder mit gelegentlichen Partnern und/oder mit einem festen Partner Analverkehr gehabt hatten und einer Stufe zugeordnet werden konnten. Damit gingen in die Berechnung der T-Werte mehr Teilnehmer ein als in die Analysen für den Stufenvergleich - für diese wurden nur Teilnehmer, die der Gruppe MIX zugeordnet werden konnten, berücksichtigt. Da eventuell weitere Analysen gerechnet werden, die hier nicht Thema sind, wurden einheitliche T-Werte für alle Teilnehmer mit anal-genitalen Kontakten angestrebt. Deshalb liegen die mittleren T-Werte der Skalen für die Gruppe MIX nicht exakt bei 50, sondern etwas darüber oder darunter. Folgende Skalen wurden für die Gruppe MIX untersucht: (1) Wahrgenommene Vorteile, (2) erlebensbezogene Nachteile, (3) beziehungsbezogene Nachteile, (4) Selbstwirksamkeitserwartung bei gelegentlichen Partnern (5) Selbstwirksamkeitserwartung bei dem festen Partner, (6) subjektive Präventionsstrategien hinsichtlich Vertrauen und Treue, (7) subjektive Präventionsstrategien hinsichtlich Partnerselektion. Kognitiv-behaviorale Veränderungsprozesse hinsichtlich (8) Behavioraler Strategien, (9) Besorgnis, (10) Neubewertung, (11) sozialer Unterstützung, (12) Stimulus Kontrolle, (13) Spielerischen Umgangs, (15) Selbstverstärkung, (16) Informationssuche sowie (17) Positiven Coming Out - Erlebens, (18) Negativen Coming Out - Erlebens, (19) SESA.

 

3.4.4 Korrelationen der Skalen untereinander

Zur Betrachtung von Korrelationen der Skalen untereinander wurde der Spearman-Korrelationskoeffizient Rho für alle Teilnehmer, die im Jahr vor der Befragung Analverkehr gehabt hatten, berechnet. Auch hierbei handelt es sich um ein nonparametrisches Verfahren, welches berücksichtigt, daß die Mehrzahl der Skalen keine Normalverteilung aufweist (vgl. Brosius & Brosius 1995: 454f.). Grundsätzlich zu unterscheiden sind wiederum (1) Hypothesentestungen und (2) explorative Betrachtungen.
  • Hypothesen wurden getestet für die Zusammenhänge zwischen negativem und positivem Coming Out-Erleben sowie dem SESA. Entsprechend den drei durchgeführten Tests wurde das Signifikanzniveau auf alpha´= 0.05 / 3 = 0.017 festgelegt - als sehr signifikant gelten Zusammenhänge mit p < 0.003. Fragebögen wurden fallweise ausgeschlossen, wenn eine der drei Variablen fehlte.
  • Explorativ betrachtet wurden Korrelationen zwischen allen aufgeführten Skalen.

  •  

    3.4.5 Prädiktionskraft der Skalen

    Um zu überprüfen, ob mit den psychometrisch erhobenen Konstrukten Vorhersagen zur Stufenzugehörigkeit - Precontemplation, Contemplation, Action oder Maintenance - möglich sind, wurde eine Diskriminanzanalyse durchgeführt. Dieses Verfahren berechnet sogenannte Diskriminanzfunktionen, die eine lineare Kombination der unabhängigen Variablen, in diesem Fall der kognitiven Konstrukte, darstellen. Dabei werden für jedes Individuum Funktionswerte berechnet, anhand derer es einer der zu unterscheidenden Gruppen, hier also einer TMC-Stufe (abhängige Variable), zugeordnet werden kann. Jeweils ein bestimmtes Intervall der Funktionswerte entspricht einer Gruppe. Als Prüfgröße für die Brauchbarkeit einer Diskriminanzfunktion wurde Wilks Lambda gewählt. Darin drückt sich aus, daß sich die Diskriminanzfunktionswerte innerhalb einer Gruppe möglichst wenig, zwischen den Gruppen jedoch möglichst stark unterscheiden sollen.

    Berücksichtigt wurden dabei zunächst alle kognitiven Variablen, die sich im Kruskal-Wallis-Test wenigstens grenzwertig signifikant (p<0.05) als bedeutsam erwiesen hatten. Anschließend wurde mit diesen eine schrittweise Diskriminanzanalyse durchgeführt.

    Variablen wurden dann in die schrittweise Analyse aufgenommen, wenn die Wahrscheinlichkeit des F-Wertes einer Variablen für die Hypothese, daß sich die Mittelwerte dieser Variablen in den Stufen unterscheiden, wenigstens p < 0.1 betrug. Anschließend wurde eine Variable für den Fall p > 0.2 wieder ausgeschlossen. Damit sollten die bedeutungsvollen von den weniger bedeutenden Variablen getrennt werden, wie auch insgesamt das schrittweise Vorgehen gewährleisten soll, daß ein möglichst günstiges Verhältnis zwischen Anzahl der eingesetzten Variablen und der Güte der Vorhersageleistung erzielt wird. Zu bemerken ist, daß dieses Verfahren streng genommen nicht zulässig ist, da die Voraussetzungen wie Normalverteilung und Varianzhomogenität wahrscheinlich verletzt werden, weshalb bisher, wie unter Kap. 4.4.3 beschrieben, auf nonparametrische Verfahren ausgewichen wurde. Allerdings zeigte sich, daß jene Variablen für die Diskriminanzfunktionen bedeutsam sind, die auch im Stufenvergleich mit dem Kruskal-Wallis-Test die deutlichsten Effekte zeigten.

    Fehlende Skalenwerte wurden durch Mittelwerte ersetzt, für die Ausgangswahrscheinlichkeit wurde eine gleichmäßige Verteilung auf die Stufen angenommen.

    Anschließend wurde eine Diskriminanzanalyse für die Gruppe GGF gerechnet, da hier aufgrund der Partnertyp-spezifischen Erfassung auch die Variable "Selbstwirksamkeitserwartung" Eingang finden konnte.