4 Ergebnisse


 

Vorbemerkung. Bei der folgenden Darstellung der soziodemographischen Daten und des sexuellen Verhaltens sollen die Ergebnisse dieser Untersuchung mit denen anderer Studien, die ebenfalls an Stichproben homo- und bisexueller Männer durchgeführt wurden, verglichen werden. Dafür kommen die Untersuchungen von Bochow (1994; N=2393 für Westdeutschland), Davies et al. (1993; N=930), Dannecker (1990; N=903) und Hutter/Koch (1995; N=111) in Frage. Diese werden bei Gelegenheit angeführt und wie folgt abgekürzt: Bochow=B, Davies=Dav, Dannecker=Dan, Hutter & Koch=H. Ferner ist zu beachten, daß alle Prozentangaben im Text gerundete Werte sind und andere Autoren teilweise andere Kategorien gebildet haben, entsprechend derer sie ihre Ergebnisse präsentieren. Beispielsweise unterscheidet Bochow (1994) zwischen einfachen/mittleren Angestellten und höheren/leitenden Angestellten. In der vorliegenden Arbeit wurde dies nicht differenziert und bezüglich der beruflichen Stellung nur das Kriterium angestellt in Abgrenzung zu selbständig erhoben. Ebenso fragt Bochow nach heterosexuellem versus homosexuellem Verhalten, wohingegen in dieser Arbeit nach sexuellen Kontakten zu Männern versus Frauen gefragt wurde. Das bedeutet für die Gegenüberstellung der Befunde dieser Arbeit mit den Daten anderer Studien, (1) daß letztere ggf. umgerechnet wurden, um Vergleichbarkeit zu ermöglichen, insbesondere bei tabellarischen Darstellungen, und (2) daß sinngemäß vergleichbare Kategorien nur unter der in dieser Arbeit verwendeten Bezeichnung aufgeführt werden. Auf dieses Vorgehen sei hingewiesen, um Irritationen beim Nachschlagen eben dieser angeführten Originalarbeiten zu vermeiden, da die vorgenommenen Veränderungen der Darstellung nicht im einzelnen benannt werden.

Die Wahrscheinlichkeit p des Alpha-Fehlers wird in der Darstellung mit einem Sternchen versehen, wenn es sich um eine einseitige Hypothesentestung handelt: *p. Bei **p handelt es sich um ein zweiseitiges Signifikanzniveau.

 

4.1 Soziodemographische Daten

Von den insgesamt 600 verteilten Fragebögen, von denen einige möglicherweise durch die Verteilerpersonen nicht weitergegeben worden sind, wurden 181 zurückgeschickt. Das entspricht einer Rücksendequote von etwa 30 %. Für die Auswertung wurden Frauen ausgeschlossen, ebenso Männer, die sich als heterosexuell bezeichneten und auch ausschließlich heterosexuell verhalten hatten. Damit besteht die Gesamtstichprobe für alle Berechnungen aus N=167 Männern, die im Jahr vor der Befragung sexuelle Kontakte zu Männern hatten. Die Spannweite der Altersverteilung reicht von 18 bis 48 Jahre, das Durchschnittsalter wie auch der Median liegen bei 29 Jahren. Über die Hälfte aller Befragten, 62 %, sind zwischen 25 und 34 Jahre alt (Tabelle 4-1). Im Vergleich mit Dannecker (1990) sind den 21- bis 30jährigen 60 % (Dan: 41), den 31- bis 40jährigen 30 % (Dan: 30) und den 41- bis 50jährigen 6 % (Dan: 19) zuzuordnen.
 
Tabelle - 4.1 Altersverteilung
 
Altersverteilung
N=167
in % 
n
B: N=2393 
in %
  N=167
B
N=2393
Dav
N=930
unter 25 Jahre
22.2
37
15.6
Mittelwert 29 Jahre
33 
32
25-34 Jahre
62.2
104
52.2
Median 29 Jahre
30
29
35-44 Jahre
13.2
22
20.4
Modalw. 29 Jahre    
über 44 Jahre
2.4
4
11.1
Std. Abw. 5.9 J.    
keine Angaben  
0
0.3
Min-Max 18-48 J.  
15-81
 
100%
167
100 %
       
Als höchsten Ausbildungsabschluß gab mit 46 % knapp die Hälfte der Teilnehmer die (Fach)hochschulreife an, mit 31 % rund ein Drittel einen Hochschulabschluß. Die Details sowie ein Vergleich mit den Stichproben Bochows (1994) und Danneckers (1990) finden sich in Tabelle 4-2. Hinsichtlich der beruflichen Stellung stellen Studenten erwartungsgemäß einen großen Teil der Stichprobe dar, ebenso jedoch Angestellte mit gleichfalls 35%. Freiberuflich oder selbständig sind 9 %, arbeits(erwerbs)los 7 %. Weitere Details in Tabelle 4-3.

Wohnortgröße. Beinahe die Hälfte der Teilnehmer, 45 % (B: 13), lebt zur Zeit in mittelgroßen Städten mit 20- bis 100tausend Einwohnern, was der Stadtgröße von Marburg und Gießen entspricht. Ungefähr ein Viertel, 27 % (B: 56), lebt in Großstädten mit mehr als 500tausend Einwohnern. In kleineren Großstädten mit 100- bis 500tausend Einwohnern sowie in Dörfern und Kleinstädten mit weniger als 20tausend Einwohnern leben jeweils 14 %. Wohnform. 47 % der Teilnehmer wohnen alleine (B: 57); in Wohngemeinschaften leben 31 % (B: 14) und mit ihrem festen Partner bzw. ihrer Partnerin zusammen 13 % (B: 22). Bei den Eltern wohnen noch 7 % (B: 7) und sonstige oder keine Angaben machten zusammen 2 % (B: 1). Falls die Teilnehmer Mitglieder einer Wohngemeinschaft sind, leben sie dort jeweils zu ungefähr einem Drittel zu zweit, zu dritt und mit mehr als drei Personen.

Aufgrund einer sexuell übertragbaren Krankheit waren bisher insgesamt 19 % (n=32) bei einem Arzt in Behandlung, davon die Hälfte nur einmal. Bei Bochow (1994) gaben 20 % an, einmal und 18 %, mehrmals sexuell übertragbare Krankheiten gehabt zu haben, allerdings findet sich dort nicht die Einschränkung, daß aus diesem Grund ein Arzt konsultiert wurde. An Hepatitis B erkrankten bisher 7 Teilnehmer, etwa 4 % (B: 11), an Hepatitis A 10 Personen (6 %). Davon weisen je drei Individuen eine Krankengeschichte mit beiden Formen auf. Drei weitere Teilnehmer (2 %) kannten nicht den Typ ihrer Gelbsucht, einer war an Non-A-Non-B erkrankt. Insgesamt findet sich also in 10 % der Biographien eine Hepatitiserkrankung des Typs A und/oder B. Geimpft sind knapp 6 % gegen HAV, 17 % gegen HBV und 7 % gegen beide Formen. Einen HIV-Antikörper-Test ließen 28 % einmal und 36 % öfters durchführen (Tabelle 4-4). Bei knapp einem Drittel, 31 % (B:~ 30), liegt der letzte Test dabei innerhalb der vergangenen eineinhalb Jahre. Seropositiv waren 10 % (B: 11; Dan: 18; Dav: 12) der Getesteten.
 

Tabelle - 4.2 Ausbildungsabschluß
 
0.3
Welchen Ausbildungsabschluß haben Sie?
N=167
in % 
n
B
N=2393
in %
Dan N=895
in %
H N=111
in %
1  Habe (noch) keinen Schulabschluß
0.6
1
-
-
-
2 Hauptschule, polytechn. Oberschule, etc.
7.8
13
8.8
18.4
27.0
Realschule, etc. (10. Klasse)
14.4
24
20.7
23.8
31.5
(Fach)Hochschulreife (Gymnasium,etc.)
46.1
77
32.1
57.8*
16.2
(Fach-) Hochschulstudium
31.1
52
38.2
-
24.3
  keine Angaben    
0.3
-
0.9
* schließt Hochschulabschlüsse ein
100 %
167
100%
100%
100%
 
 
Tabelle - 4.3 Berufliche Stellung
 
0.4
Welche berufliche Stellung haben Sie gegenwärtig ?
N=167
in % 
n
B: N=2393
in %
Dan: N=836
in %
 
 1 angestellt (schließt Arbeiter mit ein)
34.7
58
47.1
46.6
 
 2 beamtet
4.2
7
8.8
10.5
 
 3  freiberuflich, selbständig
9.0
15
15.3
12.7
 
 4 Schüler, Auszubildender
5.4
9
4.4
6.6
 
 5 arbeitslos (erwerbslos)
6.6
11
4.2
1.9
 
 6 Student
34.7
58
21.4
17.8
 
 7 Sonstiges:
5.4
9
3.0
3.9
 
  * Bei B : Doppelnennungen
100 %
167
*
100 %
 
 
Tabelle - 4.4 Testverhalten
 
0.11 Haben Sie schon einmal einen HIV-Antikörper-Test (sog. "AIDS-Test") machen lassen? 
N=167
in % 
n
B: N=2393
in %
Dan: N=(903)
in %
 
 1 Ja 
65.3
109
69.2
57
 
 2 Nein
34.1
57
30.1
43
 
  Keine Angaben
0.6
1
0.8
-
 
   
100 %
167
100 %
100 %
 
 

4.2 Sexuelles Verhalten und Kondomgebrauch

4.2.1 Allgemeines Sexualverhalten und sexuelle Orientierung
4.2.2 Gelegentliche Partner und Partnerinnen (GGF)
4.2.3 Feste Partner und Partnerinnen (FGF)
4.2.4 Gelegentliche und/oder feste Partner (MIX)

4.2.1 Allgemeines Sexualverhalten und sexuelle Orientierung

Die Stichprobe umfaßt nur Männer, die sich homosexuell verhalten hatten oder eine homosexuelle Orientierung aufwiesen. Ungefähr 7 % hatten auch sexuelle Kontakte zu Frauen (B: 8) gehabt. Der Anteil jener, die sich selbst als bisexuell bezeichneten, liegt hingegen bei 3 % (B: 5). Als homosexuell bezeichneten sich 15 % der Befragten, als schwul 80 %. Unter den Befragten finden sich keine Männer, die sich selbst als heterosexuell bezeichneten, jedoch innerhalb der letzten zwölf Monate auch sexuelle Kontakte zu Männern gehabt hatten. Ebenso tritt nicht der Fall auf, daß sich jemand als homosexuell/schwul bezeichnete, aber nur sexuelle Kontakte zu Frauen hatte. Ledig waren 96 % der Teilnehmer. Der größte Teil der Befragten, 30 %, hatte 2-5, und 20 % hatten 6-10 Sexualpartner/-innen im Verlauf der letzten zwölf Monate. Der Anteil derer mit nur einem Partner liegt bei 17 % (siehe Tabelle 4-5).

Insgesamt 122 Teilnehmer (73 %, B: 81 %) hatten anal-genitale Sexualkontakte angegeben, die Angaben zum Stufenalgorithmus fehlten bei 10 Personen, so daß 112 Personen (68 %) einer TMC-Stufe zugeordnet werden konnten.

Die Verteilung auf die in Kap. 3.4.1 beschriebenen Teilmengen ist wie folgt: 28 Teilnehmer hatten nur mit gelegentlichen Partnern anal-genitale Kontakte (G), 44 Teilnehmer hatten anal-genitalen Sex nur mit einem festen Partner (F) und 40 Teilnehmer hatten dies sowohl mit gelegentlichen als auch festen Partnern (GF).

 

4.2.2 Gelegentliche Partner und Partnerinnen (GGF)

Von den 167 Teilnehmern gaben 79 % (n=132) Kontakte mit gelegentlichen Partnern oder Partnerinnen an (was eine feste Beziehung nicht ausschließt). 58 % (n=76) dieser Befragten hatten mit diesen Partnern oder Partnerinnen auch Analverkehr. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei nur um männliche Partner, berücksichtigt man den geringen Anteil sich bisexuell verhaltender Männer (7 %) an der Stichprobe und den Umstand, daß Teilnehmer mit fester Partnerin keinen Analverkehr mit dieser praktizierten. Entsprechend ist im Zusammenhang mit Analverkehr nur noch von Partnern die Rede. Bei Dannecker (1990: 109) gaben 77 % der "außerhalb einer festen Beziehung homosexuell aktiven" Männer anal-genitale Kontakte an.

68 der 76 Teilnehmer konnten hinsichtlich der Konsistenz des Kondomgebrauches bei gelegentlichen Partnern mit Algorithmus 1 (Kap. 3.4) einer TMC-Stufe zugeordnet werden (Tabelle 4-8). Die Untergruppe jener, die immer Kondome verwendet hatten, also Action oder Maintenance angehören, umfaßt 56 Individuen (= Gruppe GGFam). Die Gruppe jener, die dies nicht immer getan hatten, also Precontemplation oder Contemplation zugeordnet werden können, umfaßt 12 Individuen (=Gruppe GGFpc). Von diesen hatten 2 Befragte nie, 3 fast nie, 4 gelegentlich und 2 fast immer Kondome mit gelegentlichen Partnern verwendet. Bei einem Teilnehmer fehlte diese Information.

Orte. Sexualität mit gelegentlichen Partnern und Partnerinnen fand überwiegend in der Wohnung des Teilnehmers bzw. seines Partners oder seiner Partnerin statt, 49% gaben an, daß dies (fast) immer der Fall gewesen sei. Ein Viertel der Befragten, 25 %, gab hierfür (fast) immer sexueller Kontaktaufnahme dienende Räume schwuler Subkultur - Saunen, Parks, etc.- an (Tabelle 4-6). Die Häufigkeit sexueller Kontakte in privaten Wohnungen gegenüber den genannten halb-öffentlichen Orten zeigte keine Korrelation mit konsequenter Kondomverwendung (GGFpc versus GGFam.).

Emotionen. Bei den sexuellen Kontakten stand der Wunsch nach einem sexuell aufregenden und befriedigenden Erlebnis im Vordergrund, 58 % gaben an, mit diesem Gefühl (fast) immer die Kontakte aufgenommen zu haben. Das Gefühl, verliebt zu sein und auf eine feste Beziehung zu hoffen, begleitete hingegen (fast) immer nur 16 % (siehe Tabelle 4-7). Hinsichtlich dieser Emotionen wie auch bezüglich der Kommunikation über HIV/Safer Sex unterschieden sich GGFpc und GGFam nicht. Mit gelegentlichen Partnern und Partnerinnen immer über Kondome, AIDS oder Safer Sex gesprochen zu haben, gaben 8 % an, fast immer 20 %, gelegentlich 33 %, fast nie 21 % und nie 19 %.
 

Tabelle - 4.5 Zahl der Sexualpartner
 
0.13 Mit wievielen Menschen hatten Sie sexuelle Kontakte in den vergangenen 12 Monaten?
N=167
in % 
 
n
**AV+ 
n 123 
in % 
**AV- 
n 37 
in % 
B
N=2393
* in %
Dan
N=903
* in % 
Dav 
N=930 
* in % 
1 mit keinem
2.4 
4
-
-
2.6
2.1
6.3
2 mit einem einzigen
17.4 
29
13.0 
29.7 
16.3
15.0
14.6
3 mit 2-5
31.1 
52
28.5 
45.9
29.7
33.1
(2-10):
4 mit 6-10
20.4 
34
23.6
13.5
16.1
18.3
56.2
5 mit 11- 20
11.4 
19
13.8
5.4
14.0
13.0
(11-50) :
6 mit 21 -50
12.6 
21
16.3
2,7
13.9
11.5
20.1
7 mit mehr als 50
4.2 
7
4.9
2.7
6.9
6.6
2.8
  keine Angaben
0.6 
1
-
-
0.5
0.5
-
 
100%
167
100 %
100 %
100 %
100 %
100 %
* 

**

nur männliche Partner 

Jene Befragten, die Analverkehr praktizieren (AV+) unterscheiden sich von jenen, die dies nicht mtun (AV-), durch höhere Partnerzahlen in den letzten 12 Monaten (chi2=14.7, p < 0.05).

 
 
Tabelle - 4.6 Orte, an denen es zu sexuellen Handlungen kam
 
An welchem Ort hatten Sie Sex mit diesen Partnern/innen? (in %)
(fast) immer
gelegentlich
(fast) nie
- überwiegend bei mir, oder dem/der anderen in der Wohnung (N=130)
48.5
37.7
13.8
- Sauna, Darkroom, Park, Klappe etc. (N=125)
24.8
38.4
36.8
 
Tabelle - 4.7 Gefühle bei sexueller Kontaktaufnahme
 
Mit welchen Gefühlen haben Sie Ihre sexuellen Kontakte aufgenommen? (in %)
(fast)
immer
gelegent.
(fast)
nie
- ich wollte einfach nur den reinen "Trieb" abreagieren. (N=125)
37.6
41.6
20.8
- ich wollte eine/n Partner/in finden. (N=121)
14.9
46.3
38.8
- ich suchte ein sexuell aufregendes und befriedigendes Erlebnis. (N=127)
57.5
35.4
7.1
- ich war verliebt und hoffte auf eine zukünftige feste Beziehung. (N=121)
15.7
23.1
61.2
 
Tabelle - 4.8 Stufenverteilung für Kondomgebrauch
 
Verteilung auf die TMC-Stufen (% / n
PC
C
A
M
GGF: Kondomgebrauch mit gelegentlichen Partnern (N=68)
8.8
(6)
8.8
(6)
10.3
(7)
72.1
(49)
FGF: Kondomgebrauch mit festem Partner (N=84)
36.9
(31)
7.1
(6)
16.7
(14)
39.3
(33)
MIX: Kondomgebrauch mit festen und/oder gelegentlichen Partnern bei jeweils gleicher Stufenzuordnung. (N=96)
22.9
(22)
9.4
(9)
12.5
(12)
55.2
(53)
 

4.2.3 Feste Partner und Partnerinnen (FGF)

73 % (n=122) der 167 in die Auswertung eingegangenen Teilnehmer gaben an, eine feste Beziehung zu einem Mann in den vorherigen 12 Monaten gehabt zu haben. Bei 50 % (n=82) bestand diese zu dem Zeitpunkt, als der Fragebogen ausgefüllt wurde (B: 55%; Dan: 59%). Fünf Teilnehmer hatten innerhalb der letzten 12 Monate eine feste Beziehung zu einer Frau.

75 % (Dan: 73) der 122 Teilnehmer mit einem festen Partner hatten mit diesem Analverkehr. 84 dieser 91 Teilnehmer konnten hinsichtlich der Kondomverwendung beim Analverkehr einer Stufe des TMC zugeordnet werden. Die Verteilung ist in Tabelle 4-8 dargestellt. Festzuhalten ist, daß die Beziehung der "Action" zugeordneten Teilnehmer nur in vier von vierzehn Fällen länger als sechs Monate andauert. Zehn Personen befinden sich also per definitionem in dieser Gruppe, weil sie aufgrund der Kürze ihrer Beziehung nicht Gelegenheit hatten, länger als sechs Monate konsequent Kondome zu verwenden. Auf dieses Phänomen wurde meines Wissens in den bisherigen Studien zum TMC noch nicht eingegangen.

Die folgenden Angaben beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf die 122 Teilnehmer mit fester homosexueller Beziehung innerhalb des Jahres vor der Befragung. Bei insgesamt 49 % (B: 58) hatten gelegentliche sexuelle Kontakte zu anderen Männern bestanden, von diesen bei vier Teilnehmern ebenfalls zu Frauen. Diese vier bezeichneten sich selbst als homosexuell (n=1) und schwul (n=3). In unterschiedlichem Ausmaß wurde das Thema Seitensprünge mit dem festen Partner thematisiert. 17 % hatten darüber bisher nicht gesprochen, 23 % haben Monogamie vereinbart, 27 % eine offene Beziehung. 32 % konnten sich mit ihrem Partner nicht einigen. Eine detaillierte Analyse zeigte, daß nur 3 % derer mit extrapartnerschaftlichen Kontakten zu denen gehörten, die mit ihrem Partner ausdrücklich Monogamie vereinbart hatten. Paare, die immer Kondome verwendet hatten, lebten eher nicht monogam.

Einen HIV-Antikörper-Test hatten seit Bestehen der Partnerschaft 32 % (n=39) durchführen lassen. Die Mehrheit, 80 % (n=30), ließ dabei nur einmal einen Test durchführen. Insgesamt 32 % (n=38) gaben an, daß Ihr Partner einen Test hatte machen lassen, 42 % (n=50) verneinten dies und 26 % (n=31) wußten es nicht genau.

Von den 37 Teilnehmern, die nicht konsequent Kondome verwendet hatten (FGFpc), gaben 11 Teilnehmer an, mit ihrem Partner das gleiche Testergebnis zu haben (9 von 11 haben den Test während der Partnerschaft gemacht). Bei den übrigen 26 liegt hierüber keine Information vor. Dies kann nicht als mangelnde Compliance gedeutet werden, da die anderen Fragen dieses Abschnitts praktisch vollständig ausgefüllt sind, so daß davon auszugehen ist, daß der Teststatus den Teilnehmern nicht bekannt ist. Übrigens ist in dieser Gruppe kein Teilnehmer seropositiv getestet. Die Häufigkeit der Kondomverwendung stellt sich folgendermaßen dar: 18 Teilnehmer verwendeten nie Kondome, 7 fast nie, 6 gelegentlich, 2 fast immer und bei 4 Teilnehmern fehlt diese Angabe.

Ein deutlicher Altersunterschied zeigte sich zwischen FGFpc und FGFam. Erstere wies ein geringeres Durchschnittsalter auf (2.7 Jahre; t= -2.4, df=82, *p=0.0085). Vergleicht man die Gruppe der unter 25 Jahre alten Teilnehmer mit denen über 32 Jahre, die beide jeweils 17 Personen umfassen, so ist das anteilige Verhältnis von Kondomgebrauchern zu Nicht-Gebrauchern exakt umgekehrt und zwar 5:12 bei der jüngeren Gruppe (chi2=5.76, df=1, *p=0.019).

4.2.4 Gelegentliche und/oder feste Partner (MIX)

In diese Teilstichprobe gingen n=28 Teilnehmer aus G, n=44 aus F und n=24 von 40 Teilnehmern aus GF ein (vgl. Kap. 3.4.1). Somit hat diese Gruppe MIX einen Umfang von 96 Personen. Die Verteilung auf die Stufen des TMC ist in Tabelle 4-8 dargestellt. Wiederum wurden Teilnehmer der Stufen Precontemplation und Contemplation zu einer Gruppe zusammengefaßt (MIXpc n=31) und mit den konsequenten Kondomverwendern der Stufen Action und Maintenance (MIXam n=65) verglichen: Keine Zusammenhänge mit konsequenter Kondomverwendung ergaben sich für die Variablen, Impfverhalten, Häufigkeit von sexuell übertragbaren Krankheiten. Allenfalls tendenziell zeigte sich, daß bei den konsequenten Kondomgebrauchern mehr (!) STDs aufgetreten waren, wohl deshalb, weil sie mehr Sexualpartner gehabt hatten. Wurden jene Teilnehmer betrachtet, die mindestens 2 Partner gehabt hatten (n=79), so zeigte sich, das konsequente Kondomverwender höhere Partnerzahlen aufwiesen (z= -2.00, **p= 0.0459). Der Altersdurchschnitt der Kondomgebraucher liegt um 2.3 Jahre höher (t= -2.02, df=94, *p=0.023).

Der Anteil schwuler Männer am Freundeskreis korreliert positiv mit konsequenter Kondomverwendung (a ´= 0.025, z= -2.33, *p=0.0098) und mit der Wohnortgröße
(z=-2.35, *p=0.0094). Für die Häufigkeit des Besuchs subkultureller Einrichtungen ergaben sich sehr signifikant positive Zusammenhänge mit der Zugehörigkeit zu MIXam für (1) Cafés, Bars und Discos (a ´= 0,008, z= -3.54,*p=0.0002) und (2) Lederlokale und
-clubs (z= -3.08,*p=0.001). Keine Zusammenhänge zeigten sich für andere Lokalitäten.
 


4.3 Bedeutung der kognitiv-behavioralen Konstrukte


Vorbemerkung. Die Tabellen stellen für jede Stufe - Precontemplation (PC), Contemplation (C), Action (A) und Maintenance (M) - die standardisierten Skalenmittelwerte in der ersten Zeile dar, die zweite Zeile enthält die Standardabweichung, die dritte/letzte Zeile die jeweilige Zellenbesetzung. In den beiden rechten Spalten sind die Chi2-Werte samt Signifikanz für den Vergleich zwischen allen vier Stufen mit dem Kruskal-Wallis-H-Test angeführt. Die Ergebnisse der Einzelvergleiche mit dem U-Test (z-Werte) finden sich im Text. Das adjustierte Alpha-Niveau (a ´=a /n) ergibt sich aus der Zahl der beschriebenen Stufenvergleich für jede Subskala und ist nicht jedesmal angegeben. Meist wurden zwei Hypothesen (vgl. Kap. 3.1) getestet (a ´=0.025).

 

4.3.1 Entscheidungsbalance

Ein signifikanter Unterschied der zentralen Tendenz zwischen mindestens zwei Stufen wurde für die erlebens- bzw. selbstbezogenen Nachteile gefunden (chi2=17.08, p=0.0007). Dabei scheint die Kurve in der graphischen Darstellung von Precontemplation zu Contemplation anzusteigen und dann bis Action um fast eineinhalb Standardabweichungen abzufallen (siehe Abbildung 4.1). Für die beziehungsbezogenen Nachteile zeigte sich eine ähnliche Tendenz (chi2=7.70, p=0.053), die Vorteile scheinen kontinuierlich um etwa eine halbe Standardabweichung zuzunehmen (chi2=7.68, p=0.053). Entgegen den Hypothesen ist der Effekt für die Nachteile stärker ausgeprägt. Im Einzelvergleich zeigten sich den Hypothesen entsprechend zwischen Precontemplation und Maintenance eine sehr signifikante Abnahme der erlebensbezogenen Nachteile (z= -2.83, *p=0.002, a ´= 0.025) sowie eine signifikante Abnahme der beziehungsbezogenen Nachteile
(z=-2.49,*p=0.006) und eine Zunahme der Vorteile (z= -2.37, *p=0.009).
Zwischen Precontemplation und Contemplation fand sich kein den Hypothesen entsprechender signifikanter Unterschied. Im Gegenteil scheinen insbesondere die erlebensbezogenen Nachteile eher zuzunehmen. Die Umkehrung der Gewichtung von Vor- und Nachteilen vor der Handlungsinitiation deutet sich allenfalls an, da die erlebensbezogenen Nachteile und die Vorteile in der Action-Phase etwa gleich stark ausgeprägt sind. Tabelle 4-9 gibt die standardisierten Stufenmittelwerte und die Prüfgrößen des Kruskall-Wallis-H-Tests an.
Abbildung - 4.1 Entscheidungsbalance und die Stufen der Kondomverwendung (siehe Text)
Tabelle - 4.9 Entscheidungsbalance und die Stufen konsequenter Kondomverwendung
 
   
*PC
C
A
M
Gesamt
chi2 
p
Nachteile - Erleben
M
53.51
60.14
51.10
46.17
49.78
17.08
.0007
(DBKCST)
s
10.36
11.14
10.23
7.36
9.84
   
Nachteile - Beziehung
M
53.14
56.41
49.17
47.20
49.67
7.70
.0525
(DBKCRT) 
s
10.72
15.45
8.51
6.80
9.47
   
Vorteile
M
46.24
47.93
51.43
52.57
50.54
7.68
.0531
(DBKPT) 
s
11.39
8.03
7.84
8.27
9.27
   
 
n
22
9
12
53
96
   
* PC=Precontemplation, C=Contemplation, A=Action, M=Maintenance.

 

4.3.2 Selbstwirksamkeitserwartung

Für die Selbstwirksamkeitserwartung bezogen auf den festen Partner ergab sich ein sehr signifikanter Effekt (chi2=33.57, p=0.000), allerdings ist hier die schon erwähnte Einschränkung zu machen, daß die relativ niedrigen Werte für Precontemplation und Contemplation mutmaßlich auch die Intention widerspiegeln. Im Einzelvergleich war entgegen den Hypothesen kein Unterschied zwischen Action und Maintenance festzustellen, jedoch eine signifikante Zunahme zwischen Contemplation und Action (z= -2.53, *p=0.006, a ´= 0.025).
Abbildung - 4.2 Selbstwirksamkeitserwartung und die Stufen der Kondomverwendung (siehe Text)
Für die Selbstwirksamkeitserwartung bei gelegentlichen Partnern ergab sich gleichfalls ein sehr signifikanter Effekt (chi2=20.18, p= 0.000). Die größte Differenz liegt hier jedoch zwischen den drei ersten Stufen einerseits und der Maintenance andererseits. Im Einzelvergleich zeigte sich hypothesenkonform eine sehr signifikante Zunahme von Action zu Maintenance (z= -2.97, *p=0.002), jedoch keine signifikante Differenz zwischen Contemplation und Action (siehe Tabelle 4-10).

  Tabelle - 4.10 Selbstwirksamkeitserwartung und die Stufen konsequenter Kondomverwendung
 
   
*PC
C
A
M
Gesamt
chi2 
p
Selbstwirksamkeit
M
42.14
41.56
53.57
56.61
50.03
33.57
.0000
feste Partner
s
9.95
5.89
7.64
4.15
9.97
   
(PFEFFT)
n
28
5
13
33
79
   
Selbstwirksamkeit
M
41.44
40.35
38.16
53.90
49.98
20.178
.0002
geleg. Partner
s
7.84
9.48
12.59
6.92
10.02
   
(PGEFFT)
n
6
6
7
49
68
   
*PC=Precontemplation, C=Contemplation, A=Action, M=Maintenance.

 

4.3.3 Subjektive Präventionsstrategien

Ein signifikanter Unterschied der zentralen Tendenz zwischen mindestens zwei Stufen wurde für die Strategie Vertrauen/Treue gefunden (chi2=14.8, p=0.002). Dabei scheint die Kurve in der graphischen Darstellung von Precontemplation bis Maintenance um etwa eine Standardabweichung abzufallen. Für die Partnerselektion ergab sich eine ähnliche Tendenz (chi2=6.27, p=0.099). Es scheint so, als erfahre die Abnahme beider Strategien insbesondere zwischen Action und Maintenance eine stärkere Dynamik. Im Einzelvergleich zeigte sich den Hypothesen entsprechend eine sehr signifikante Abnahme von Precontemplation zu Maintenance für den Faktor Vertrauen/Treue (z= -3.94, *p=0.000, a = 0.05), jedoch nur tendenziell für die Strategie Partnerselektion.

Explorative post hoc Vergleichstests zeigten, daß die Abnahme der Partnerselektion im wesentlichen zwischen Contemplation und Maintenance zu verzeichnen ist (z= -2.00, *p=0.023), was auf Vertrauen/Treue nicht zutrifft. Der Einsatz letztgenannter Strategie scheint sich schon während der Motivationsbildung zu reduzieren, d.h. mit Eintritt in die Contemplation-Phase (n.s.). Die standardisierten Skalenmittelwerte finden sich in Tabelle 4-11.

Abbildung - 4.3 Subjektive Präventionsstrategien und die Stufen der Kondomverwendung (s. Text)
 
Tabelle - 4.11 Subjektive Präventionsstrategien und die Stufen konsequenter Kondomverwendung
 
   
*PC
C
A
M
Gesamt
chi2 
p
Vertrauen / Treue
M
57.89
51.61
52.01
46.91
50.50
14.81
.0020
(SP_IT) 
s
11.27
10.85
12.96
7.12
10.26
   
Partnerselektion
M
51.86
55.19
53.21
47.49
49.88
6.27
.0991
(SP_IIT) 
s
9.68
11.26
13.88
8.78
10.17
   
 
n
22
8
12
53
95
   
*PC=Precontemplation, C=Contemplation, A=Action, M=Maintenance,

 

4.3.4 Veränderungsprozesse

Bei den Veränderungsprozessen fanden sich signifikante Effekte für die behavioralen Strategien (chi2=24.55, p=0.0000), die von Precontemplation bis Maintenance um über eine Standardabweichung zunehmen sowie für Stimulus Kontrolle (chi2=14.81, p=0.002) und für spielerischen Umgang (chi2=7.92, p=0.048), die ebenfalls zunehmen. Bei den eher kognitiven Prozessen zeigten sich signifikante Effekte für Besorgnis (chi2=10.22, p=0.017) und Selbstverstärkung (chi2=7.89, p=0.048). Kein Effekt ergab sich für die soziale Unterstützung, die für alle Stufen praktisch den gleichen Wert aufweist, ebenso nicht für Neubewertungen und Informationssuche, bei denen die Skalenwerte zwischen den Stufen leicht schwanken, was dem Zufall zugeschrieben werden muß, so daß die Hypothesen für die letztgenannten drei Subskalen nicht bestätigt werden konnten.
 

Abbildung - 4.4 Veränderungsprozesse und die Stufen der Kondomverwendung.
Besorgnis (Vp_IIT), Selbstverstärkung (Vp_VIIT), behaviorale Strategien (Vp_IT), Stimulus Kontrolle (Vp_VT), spielerischer Umgang (Vp_VIT).

Im Einzelvergleich war für die Prozesse behaviorale Strategien, Stimulus Kontrolle, spielerischer Umgang und Selbstverstärkung die hypostasierte Zunahme zwischen Action und Maintenance nur tendenziell erkennbar (Tabelle 4-12 und Tabelle 4-13). Zwischen Contemplation und Maintenance nahmen die behavioralen Strategien sehr signifikant (z= -3.54, *p=0.0002, a ´= 0.025) und die Stimulus Kontrolle nahm signifikant zu (z= -2.51,*p=0.006). Eine Zunahme des spielerischen Umgangs zeigte sich tendenziell, eine Zunahme der Selbstverstärkung deutete sich an.

Ein explorativer Vergleich zwischen Precontemplation und Maintenance offenbarte eine Zunahme der Selbstverstärkung (z= -2.81, **p=0.0049); zwischen Precontemplation und Contemplation war diese nur andeutungsweise feststellbar. Dennoch scheint entsprechend der Grafik (vgl. Abbildung 4.4) die Zunahme der Selbstverstärkung am ehesten im Bereich der Intentionsbildung zu liegen, was hinsichtlich des kognitiven Charakters der Items (vgl. Kap. 2.2) schlüssig ist. Andererseits widerspricht diese Annahme der Hypothese, die eine kognitive Verstärkung der Habitualisierung annimmt.

Die Besorgnis stieg wie hypostasiert von Precontemplation nach Contemplation an (z= -2.36, *p=0.009, a ´= 0.025); zwischen Contemplation und Action nahm sie allenfalls tendenziell ab. Explorativ wurden post hoc Precontemplation und Maintenance verglichen. Das Ergebnis deutet eine Zunahme der Besorgnis über alle Stufen hinweg an
(z = -2.37, **p=0.018).
 

Tabelle - 4.12 Veränderungsprozesse (I, V, VI,) und die Stufen konsequenter Kondomverwendung
 
   
*PC
C
A
M
Gesamt
chi2 
p
Behav. Strategien
M
42.99
45.70
49.26
54.52
50.35
24.55
.0000
(Vp_IT)
s
9.90
3.38
12.24
7.75
9.87
   
Stimulus Kontrolle
M
46.41
45.52
47.12
53.76
50.44
14.81
.0020
(Vp_VT)
s
7.98
9.89
11.51
8.33
9.45
   
spiel. Umgang
M
46.24
46.46
47.77
52.22
49.73
7.92
.0477
(Vp_VIT)
s
7.78
10.94
7.46
9.90
9.55
   
 
n
22
9
12
52
95
   
 
Tabelle - 4.13 Veränderungsprozesse (II, III, IV, VII, VIII) und die Stufen konsequenter
Kondomverwendung
 
   
*PC
C
A
M
Gesamt
chi2 
p
Besorgnis
M
46.19
56.06
47.32
50.38
49.57
10.22
.0168
(Vp_IIT)
s
10.84
10.93
12.05
8.02
9.78
   
 
n
22
9
12
53
96
   
Neubewertung
M
48.01
52.80
48.83
51.23
50.34
2.77
.4277
(Vp_IIIT)
s
10.97
8.84
10.99
9.55
9.98
   
 
n
22
9
12
53
96
   
Soz. Unterstützung
M
50.35
50.13
48.98
50.39
50.18
.36
.9482
(Vp_IVT)
s
8.46
8.76
13.88
10.39
10.19
   
 
n
22
9
12
52
95
   
Selbstverstärkung
M
45.36
50.39
51.09
52.14
50.27
7.89
.0484
(Vp_VIIT)
s
8.80
9.51
12.02
9.56
9.96
   
 
n
22
9
12
52
95
   
Informationssuche
M
46.66
50.13
48.29
52.21
50.23
4.31
.2298
(Vp_VIIIT)
s
6.89
6.99
12.62
11.10
10.29
   
 
n
22
9
12
52
95
   
*PC=Precontemplation, C=Contemplation, A=Action, M=Maintenance,

 

4.3.5 Vulnerabilität

Bei der Betrachtung der Vulnerabilität zeigte sich für Item 6.1 (Tabelle 4-14), daß Personen in Contemplation (n=9, M=4.1) gegenüber Personen in Precontemplation (n=22, M=3.1) eine höhere wahrgenommene Vulnerabilität aufweisen (a ´=0.013,
z=-2,70, *p=0.0035). Es wurde dann untersucht, ob die Vulnerabilität (Item 6.1) in Action (n=10, M=3.2) gegenüber Contemplation reduziert war, was der Fall zu sein scheint (z= -2,27, **p=0.02). Zur Maintenance (n=48, M=3.5) ergab sich kein deutlicher Unterschied. Teilnehmer mit einem bekannten positiven HIV-Ak-Testergebnis wurden ausgeschlossen.

Das eigene Risiko, später einmal an AIDS zu erkranken, wurde im Vergleich zu anderen Menschen um so geringer eingeschätzt, je mehr die Vergleichsgruppe dem eigenen Alter, Geschlecht oder der eigenen (homosexuellen) Orientierung entsprach (siehe Tabelle 4-14). Dabei wurde das eigene Risko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als (allerdings nur geringgradig) erhöht, im Vergleich zu anderen homosexuellen Männern als etwa gleich eingeschätzt. Dies reflektiert unter dem Aspekt, daß homosexuelle Männer eine Hauptbetroffenengruppe darstellen, eine realistische Wahrnehmung.

Das Ausmaß riskanter Verhaltensweisen wird hingegen im Sinne des optimistischen Bias im Vergleich mit anderen homo(bi)sexuellen Männern als geringer eingeschätzt. Dieser Zusammenhang ist signifikant (siehe Tabelle 4-14).

Zur Partnerzahl zeigte sich ein sehr signifikant positiver Zusammenhang mit dem Item 6.1 (a ´=0.0125, chi2=16.7, p=0.0008, N=114).
 

Tabelle - 4.14 Vulnerabilität
 
6. Wie hoch schätzen Sie Ihr persönliches Risiko ein, später einmal an AIDS zu erkranken?
"Verglichen mit anderen Menschen ... " 1=viel niedriger. 2=eher niedriger. 3=gleich hoch. 4=eher höher. 5=viel höher
6.1 ... aus der Gesamtbevölkerung Deutschlands ist mein Risiko ... Mittelwert: 3.45 
6.2 ... meines Alters und Geschlechts ist mein Risiko... Mittelwert: 3.21 
6.3 ... meines Geschlechts und meiner sexuellen Orientierung ist mein Risiko ... Mittelwert: 2.93 
6.4 ... meines Geschlechts und meiner sexuellen Orientierung ist bei mir das 
Ausmaß riskanter Verhaltensweisen beim Sex ....
Mittelwert: 2.67 
Friedmann Two-Way ANOVA: N=88 chi2=40.54. df=3. p=0.0000 
Wilcoxon Matched-Pairs (6.3 vs. 6.4): z= -2.2. **p=0.028 
 

4.3.6 Coming Out - Erleben und SESA

Für beide Coming Out - Skalen und den SESA ließen sich keine Stufenunterschiede feststellen. Bestätigt werden konnte die vermutete Richtung des Zusammenhangs zwischen SESA und positivem Coming Out - Erleben (r=0.2, *p=0.006, n=157) sowie SESA und negativem Coming Out - Erleben (r= -0.34, p=0.000).

Im folgenden werden ausgewählt explorativ betrachtete Zusammenhänge zwischen den genannten drei Skalen und anderen Konstrukten Hypothesen referiert. Diese beziehen sich nur auf Teilnehmer, die im Jahr vor der Befragung Analverkehr praktizierten (N=112). Dabei ist eine Korrelation mit °r auf dem 5 %-Niveau und mit °°r auf dem 1 %-Niveau signifikant:

Ein hohes Maß an Selbstakzeptanz geht einher (1) mit einer geringeren Gewichtung der beziehungsbezogenen Nachteile (°°r= -0.34), (2) mit seltenerer Besorgnis (°°r=
-0.38), (3) mit höherer Selbstwirksamkeitserwartung in festen Beziehungen (n=79, °r=0.28) und (4) bei gelegentlichen anal-genitalen Kontakten (n=68, °r=0.3). Ein positiv erlebtes Coming Out geht einher mit geringerer Gewichtung der erlebensbezogenen Nachteile (n=107, °°r= -0.28). Aufgrund dieser Ergebnisse kann die Hypothese aufgestellt werden, daß Konstrukte, die das Selbstwertgefühl reflektieren, zwar keine Aussage über das tatsächliche Verhalten oder die Intention zur konsequenten Kondomverwendung machen, aber mittelbar über andere kognitive Variablen darauf wirken ("Risikofaktorenmodell", s. Kap. 1). Dieser Zusammenhang mag schwach sein, ist aber m. E. bemerkenswert und einer weiteren Betrachtung, etwa mit Hilfe von Strukturgleichungsmodellen, würdig.
 

4.3.7 Korrelationen von Skalen und sozialen Variablen untereinander (explorativ)

Einige ausgewählte Ergebnissen der explorativen Betrachtung von Skaleninterkorrelationen werden im folgenden präsentiert. Korrelation mit °r auf dem 5 %-Niveau und mit °°r auf dem 1 %-Niveau signifikant:

Der Einsatz der subjektiven Präventionsstrategien Vertrauen/Treue geht einher mit höherer Gewichtung der beziehungsbezogenen Nachteile (n=111, °°r=0.34) und geringerer Selbstwirksamkeitserwartung bei gelegentlichen Partnern (n=68, °r= -0.29). Eine starke Gewichtung der beziehungsbezogenen Nachteile geht einher mit einer geringeren Selbstwirksamkeitserwartung bei gelegentlichen Partnern (n=68, °°r= -0.67). Dieser Effekt ist wesentlich stärker als für die erlebensbezogenen Nachteile (°°r= -0.45) oder die Vorteile (°°r=0.32). Dies ist interessant, da die Stufenunterschiede der beziehungsbezogenen Nachteile (chi2=8) gegenüber den erlebensbezogenen (chi2=17) geringer sind.

Soziokulturelle Integration. Der Anteil homosexueller Männer am Freundeskreis korreliert nicht mit der Selbstakzeptanz oder der sozialen Unterstützung im Sinne des hier konzipierten Veränderungsprozesses (z.B. "Wenn ich mich über AIDS unterhalten möchte, habe ich jemanden, der mir zuhört"). Die soziale Unterstützung korreliert jedoch positiv mit der Häufigkeit des Besuchs von Cafés, Bars, Diskos (°°r=0.27) und Lederlokalen oder -clubs (°°r=0.29). Bemerkenswert scheint, daß der Besuch von Freizeitgruppen und Initiativen diese Zusammenhänge nicht aufweist.
 

4.3.8 Prädiktionskraft der untersuchten Konstrukte

Die Ergebnisse der Diskriminanzanalyse werden hier nur kurz abgehandelt. Im Rahmen des schrittweisen Vorgehens mit den 10 bedeutsamsten der in diesem Kapitel besprochenen Skalen erwiesen sich (1) Vertrauen/Treue, (2) behaviorale Strategien, (3) Besorgnis und (4) erlebensbezogene Nachteile als effektiv für die Stufenzuordnung mittels dreier Diskriminanzfunktionen. 65 % der Teilnehmer konnten richtig zugeordnet werden, bei Einsatz aller Variablen 70 %. Dabei wurde für die Zugehörigkeit zu jeder Stufe von einer a priori Wahrscheinlichkeit von 25 % ausgegangen. Wurde die Wahrscheinlichkeit a priori nach der tatsächlichen Verteilung auf die vier Stufen festgelegt, konnten mit vier Variablen 72 % richtig zugeordnet werden. Den genannten vier Konstrukten kommt somit die relativ größte Bedeutung für die Stufenzuordnung zu. Dies läßt sich auch nachvollziehen, wenn man in den Tabellen dieses Kapitels die Stufenunterschiede der einzelnen Konstrukte und die Größe der Chi2 -Werte betrachtet.

Tabelle 4-15 zeigt, daß die Diskriminanzfunktion Nr.1 (84.5 % aufgeklärte Varianz) recht gleichmäßig zwischen den Stufen differenziert. Dies beruht im wesentlichen auf den Variablen "behaviorale Strategien" und "Vertrauen / Treue", die am stärksten mit dieser Funktion korrelieren (Tabelle 4-16). Funktion Nr. 2 (15.1 % aufgeklärte Varianz) grenzt im wesentlichen Contemplation von den anderen Stufen ab, was wesentlich auf der "Besorgnis" beruht (vgl. 4.3.4).

Funktion Nr. 3 grenzt Action von den anderen Stufen ab. Diese Funktion trägt jedoch wenig zur Aufklärung der Gesamtvarianz (0.4 %) bei. Werden nur die ersten beiden Diskriminanzfunktionen verwendet, können bereits 64 % richtig klassifiziert werden. So zeigte sich, daß richtige Zuordnungen zur Action-Stufe wesentlich seltener sind als zu den anderen Stufen. Damit wird das Problem offenbar, daß die Abgrenzung von Action insbesondere gegenüber Maintenance schwerfällt.

Werden nur Teilnehmer mit gelegentlichen Partnern betrachtet (GGF, N=67), kann die Selbstwirksamkeitserwartung als fünfte Variable hinzugezogen werden. Für eine a priori Wahrscheinlichkeit von 25 % lassen sich dann 79 % der Teilnehmer ihrer Stufe richtig zuordnen.

Tabelle - 4.15 Diskriminanzfunktionsmittelwerte
 
Diskr. -Funktion Nr. 
1
2
3
Precontemplation
1.31
-.29
-.04
Contemplation
.81
1.17
-.01
Action
.28
-.13
.15
Maintenance
-.74
-.03
-.02
 
Tabelle -16 Standardisierte Koeffizienten der
Diskriminanzfunktionen
 
Diskr. -Funktion Nr. 
1
2
3
Nachteile (Erleben)
.40
.68
.68
Vertrauen / Treue
.70
-.38
-.04
Behav. Strategien
-.67
.01
.58
Besorgnis
-.04
.87
-.56